Der letztes Jahr mit dem Erich-Fromm-Preis ausgezeichnete Heidelberger Psychiatrieprofessor Thomas Fuchs widmete sich in seinem letzten deutschsprachigen Buch Verteidigung des Menschen (2020) dem Menschenbild in einer Zeit neuer Technik und Krisen. Im jetzt erschienenen Buch Psychiatrie als Beziehungsmedizin überträgt er sein holistisches Denken auf klinische Psychologie und Psychiatrie. Das Verständnis vom Menschen als verkörpertem Organismus, der untrennbar mit seiner Umgebung verbunden ist, knüpft an aktuelle internationale Entwicklungen in der Forschung an. Doch was heißt das für die klinische Praxis?
Am Anfang erklärt der Autor, warum die Psychiatrie ein neues Paradigma braucht. Weder die biologische Psychiatrie, die die Probleme der Patientinnen und Patienten in Genen und Gehirnen sucht, noch das biopsychosoziale Modell aus den 1970ern werde der Sache gerecht. Letzteres führe man gerne an, um neben der Biologie auch die psychologische und soziale Ebene nicht zu vergessen. Diese stehen in der Praxis dann für Psychotherapie und Sozialpsychiatrie. Fuchs kritisiert aber, dass die Ebenen in diesem Modell relativ unabhängig nebeneinanderstehen. Insbesondere habe es in Forschung und Praxis wenig zum Verständnis der kausalen Wechselwirkungen der Ebenen beigetragen.
Das soll sich jetzt ändern. Dabei knüpft der Autor an die reiche phänomenologische Tradition an, die den Körper als lebendigen Leib in einer beziehungsreichen Umwelt platziert. Die entscheidenden theoretischen Begriffe wie „Verkörperung“ oder „Einbettung“ werden im zweiten Kapitel verständlich erklärt. Passenderweise werden jedem Aspekt klinische Beispiele zur Seite gestellt. Demnach sind etwa Depressionen – mit häufigen Symptomen wie Antriebsverlust, Müdigkeit und Schmerzen – primär somatischer Natur. Auch im Stress- und Immunsystem ließen sich Auffälligkeiten finden. Und nicht zuletzt seien die Beziehungen zu anderen betroffen, was in einen Teufelskreis mit zunehmender Isolation und Erstarrung führen könne.
In den Folgekapiteln werden die „verkörperte Subjektivität“ und das „verkörperte Subjekt in Beziehungen“ näher erklärt. Dann vertieft Fuchs die Phänomenologie der Erste- und Zweite-Person-Perspektive sowie den Gedanken der zirkulären Kausalität innerhalb und zwischen verschiedenen Ebenen. Im fünften Kapitel, „Ein integratives ökologisches Paradigma“, folgt dann logischerweise das im Buchtitel versprochene neue Modell für die Psychiatrie. So kommt der Autor auf seine Definition von psychischen Störungen als „Störungen des verkörperten Selbst in Beziehung“. Diese hebt den alten Leib-Seele-Dualismus auf, denn „jede therapeutische Intervention [ist] sowohl physiologischer als auch psychologischer Natur“.
Der Autor erntet jetzt die Früchte seiner jahrzehntelangen Arbeit. An Sprache und Struktur ist nichts zu bemängeln. Mit seinem anspruchsvollen Inhalt handelt es sich aber um ein Fach- und Studierbuch für Fortgeschrittene.
Stephan Schleim ist assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie an der niederländischen Universität Groningen. Auf Seite 24 lesen Sie seinen Beitrag Die Trennung von Körper und Geist – der große Irrtum?
Thomas Fuchs: Psychiatrie als Beziehungsmedizin. Ein ökologisches Paradigma. Kohlhammer 2023, 221 S., € 31,–