Jeder Mensch ist, wie er ist. Er hat aber auch eine Vorstellung davon, wie und wer er ist, eine Identität. Diese Identität muss er im Laufe des Lebens finden und entwickeln. Dabei hilft ihm die Sprache: Menschen erzählen gerne über sich selbst, über das, was sie erlebt und unternommen und wie sie in dieser und in jener Situation reagiert haben. Sie suchen dabei nach jenen Eigenschaften, die sie als Person kennzeichnen und unverwechselbar machen. So formen sie ihre „narrative Identität“:
Im Laufe der Zeit entwickeln, bekräftigen oder verändern sie ihre Selbsterzählungen; fortlaufend (re)konstruieren sie ihr Selbst aus den erinnerten Episoden ihrer Vergangenheit. Sie verweben all die Anekdoten aus ihrer Vergangenheit zu einer Lebens-„Geschichte“, einer umfassenden Erzählung darüber, wie sie zu der Person wurden, die sie sind.
Bei der Erforschung dieser Identitätsfindung richteten Psychologen ihr Augenmerk bislang vor allem auf den Erzähler und seine Erzählung. Doch welche Rolle spielen die Zuhörer, also die Freunde und Liebsten, denen wir all die Geschichten, in denen wir selbst der Held sind, immer wieder auftischen? Schließlich ist das erzählte Selbst kein Soloprojekt, das jeder mit sich allein ausmacht, sondern eine Koproduktion, an der auch die Menschen um uns herum ihren Anteil haben. Sie kommentieren unsere Geschichten, bekräftigen oder bespötteln die Darstellung, spiegeln unser erzähltes Ich.
Welche Rolle der Lebenspartner als ein solcher „Koerzähler“ des Selbst einnimmt, haben Kate McLean von der Western Washington University und Monisha Pasupathi von der University of Utah jetzt in einer Doppelstudie untersucht. Als Teilnehmer wählten sie frisch Verliebte, die sich noch viel voneinander zu erzählen hatten: Insgesamt 125 junge heterosexuelle Paare, die im Schnitt erst seit zwei Monaten zusammen waren, wurden zu einer vertrauten Vier-Augen-Konversation ins Labor eingeladen. Per Zufall wurde eine/r der beiden als Erzähler, der oder die andere als Zuhörer ausgedeutet.
Der Erzähler hatte nun die Aufgabe, dem Partner eine Begebenheit aus seiner Vergangenheit zu schildern, die er ihm bislang noch nicht anvertraut hatte. Es sollte ein Ereignis sein, das mit ihm selbst in Beziehung stand und ihn emotional berührte. Der Partner hörte dabei zu und konnte selbst Anmerkungen machen. Nach dem Gespräch gaben sowohl der Erzähler als auch der Zuhörer die Anekdote noch einmal schriftlich wieder und schilderten, was das Ereignis dem Erzähler bedeutete und was es über dessen Identität verraten mochte. Der Erzähler wurde einen Monat später noch einmal ins Labor gebeten, wo er sein Schlüsselerlebnis in einem Interview noch einmal wiedergab und über dessen persönliche Bedeutung reflektierte.
Bei der Auswertung stellten die beiden Forscherinnen fest, dass sowohl die Erzähler als auch die Zuhörer nach Stabilität und Kontinuität strebten: In ihrer Nacherzählung der Lebensepisode hatte der Protagonist häufig typische Eigenschaften, die ihn damals wie heute auszeichneten: Ach ja, er war von Anfang an so schüchtern, und sie hat es schon immer so genau mit der Wahrheit genommen.
Immerhin 42 Prozent der Eigenschaftszuschreibungen signalisierten aber auch eine Veränderung in der Persönlichkeit, zumeist zum Positiven. Einer der Erzähler schilderte zum Beispiel, wie er damals auf dem Musikkonservatorium lernte, sich richtig ins Zeug zu legen, in jeder freien Minute zu üben und die Brocken nie hinzuschmeißen; diese Erfahrung habe ihn zu dem hartnäckigen und zielstrebigen Menschen gemacht, der er heute sei.
Weniger selbstgefällig mutet da eine andere Erzählung an, die aber ebenfalls von einer Entwicklung zum Guten handelt: Der Erzähler erinnerte sich an seine Kindheit. Obwohl seine Mutter mehreren Jobs nachgehen musste, um die Familie über Wasser zu halten, habe sie doch immer Zeit für ihn gefunden. „Das hat mich wohl geprägt. Es zeigte mir, dass ich mir – egal unter welchen Umständen – immer Zeit nehmen muss für die Menschen, die ich liebe.“
Dass die Erzähler bevorzugt Veränderungen zum Guten schildern, führen die Forscherinnen auf zweierlei Beweggründe zurück: Erstens hat jeder Mensch das Bedürfnis, sich in einem möglichst vorteilhaften Licht zu sehen und gesehen zu werden. Zweitens möchte man den Partner ungern mit schwermütig stimmenden Selbsteinsichten belasten oder womöglich gar verschrecken. Interessanterweise scheinen auch die zuhörenden Partner diese Motive zu teilen, denn sie übernahmen die positiven Erzählungen von Einsicht, Reife und Wachstum häufiger als weniger vorteilhafte Selbsteinsichten.
Bisweilen schien es zwischen Erzähler und Zuhörer sogar eine Art stillschweigender Übereinkunft zu geben, unangenehme Wahrheiten unter den Tisch fallen zu lassen. Beispielsweise entschied sich eine der Teilnehmerinnen dafür, mit dem Partner über eine Episode zu reden, bei der sie ihre Mutter und ihren Vater bewusst angelogen hatte. Ganz offensichtlich bereitete ihr das Gewissensbisse. Sie kam zu dem deprimierenden Schluss, dass sie bis heute unaufrichtig und verschlossen gegenüber ihren Eltern sei. Obwohl sie diese Selbsteinsicht sowohl im Gespräch mit dem Partner als auch bereits im Fragebogen vor diesem Gespräch erwähnt hatte, wiederholte sie diese in der Nachbefragung nicht mehr. Und auch der Partner verschwieg bei der Rekonstruktion des Gesprächs diesen Knackpunkt.
Bisweilen verzichtete der Zuhörer also wohl aus Rücksicht auf den Partner darauf, dessen Selbstcharakterisierungen zu übernehmen. Überhaupt waren die Übereinstimmungen zwischen Erzähler und Zuhörer eher gering. Nicht einmal jede fünfte Persönlichkeitseinsicht, die beide aus den Anekdoten zogen, war deckungsgleich. Die Zuhörer zogen generell weniger und manchmal auch schlicht andere Schlüsse aus dem geschilderten Geschehen. Eine der Erzählerinnen etwa wertete die von ihr vorgetragene Episode als Wendepunkt, der ihr zu einem veränderten Umgang mit ihren Mitmenschen verholfen habe; der zuhörende Partner hingegen sah in dem geschilderten Verhalten schlicht einen weiteren Beleg für ihre Eigensinnigkeit.
Vielleicht, so spekulieren Kate McLean und Monisha Pasupathi, seien gerade diese Selbstbewertungen, in denen die beiden Partner nicht übereinstimmen, wunde Punkte in ihrer „narrativen Identität“. Grundsätzlich jedenfalls scheinen die Erzähler viel Gewicht darauf zu legen, dass ihre Selbstbeschreibungen auch vom Partner geteilt werden. Dies offenbarte die Nachbefragung einen Monat später: Vom Partner bestätigte Selbstbeurteilungen erwiesen sich als besonders erinnerungsfest und wurden häufig beibehalten; diejenigen, die beim Partner nicht auf Resonanz gestoßen waren, wurden hingegen eher fallengelassen.
Offenbar haben wir also das Bedürfnis, uns ein möglichst eindeutiges, beständiges, widerspruchsfreies und von anderen bestätigtes Bild von uns selbst zu machen, das ansonsten getrost ein wenig ins Positive verfälscht sein darf.