In seinem Buch Bekenntnisse einer halb geheilten Seele blickt der Psychoanalytiker Tilmann Moser auf 30 Jahre Erfahrung mit seinem Beruf zurück und auf 40 Jahre eigene Analyse und Therapie als Patient. Er thematisiert eine „Doppelrolle“, die er auch schon in früheren Jahren immer wieder in seinen Veröffentlichungen dokumentiert hat.
Wer seit über 40 Jahren an der eigenen Seele leidet, schätzt die Wundergaben der Heiler mit der gebotenen Zurückhaltung ein, auch – oder ganz besonders – wenn Patient und Therapeut in ein und derselben Person vereinigt sind. Trotzdem ist Moser der Heilmethode Psychoanalyse in ihrer um die Körperpsychotherapie erweiterten Form ein Leben lang treu geblieben.
Dieses Jahr wird das „Enfant terrible“ der Psychoanalyse 70 Jahre alt. Gibt es Dinge, auf die Tilmann Moser in seinem Leben stolz ist? „Ja, auf vieles in den Büchern Aufgezeigtes, auf den Gang der Erkenntnis, einschließlich der Fallberichte, in denen, wie ich meine, anschaulich dokumentiert ist, wie ich arbeite, auf das mühsam erworbene Instrumentarium.“ Er denkt noch einmal nach. „Ja, so könnte man es sagen: Auf zwei Dinge bin ich stolz: das Ausgedrückte und das Angewendete.“
Mühsam erworben und erkämpft scheint so manches in seinem Leben, sogar das Dasein selbst. Seinen Weg hat er trotzdem gefunden, auch wenn es immer ein ganz eigener Weg war, der Weg eines Außenseiters, der sich schon früh, seit Kindergartenzeiten, als außen stehend erlebte.
Tilmann Moser ist das erste Kind protestantischer Eltern, die versuchen, sich in einer rein katholischen Umgebung heimisch zu fühlen. Der Vater, früh der SA beigetreten, erkrankt an einer lebensgefährlichen Sepsis, als der Kleine fünf Monate alt ist. Das Kind wird zur jüngeren Schwester der Mutter in Pflege gegeben. Als es ein halbes Jahr später in die Familie zurückkehrt, ist ihm die Mutter entfremdet, der Vater ein Invalide, der im Nationalsozialismus „nicht mehr zum Täter werden kann“. Tilmanns Eltern gehen im Glauben und in der Gemeindearbeit auf, das Kind wird religiös erzogen. Der liebe Gott sieht alles, aber man wird nicht richtig warm mit ihm, genauso wenig wie mit den Eltern, die neben den Gemeindeaufgaben nun auch noch weitere Kinder zu versorgen haben.
Tilmann Moser studiert Literaturwissenschaft, später Politik und Soziologie in Tübingen, Berlin, Paris, Frankfurt am Main und Gießen. Die Literaturwissenschaft gibt er auf, promoviert in Soziologie.
In der Nähe von Gießen arbeitet er mit straffälligen Jugendlichen. Wenn er von dieser Zeit spricht, klingt noch immer Begeisterung durch, eine innere Befriedigung, die diese Tätigkeit ihm verschafft hat. Das Gute daran war „einfach ausgedrückt die Erfahrung: ‚Ich bin brauchbar für Menschen in Not‘, und das hat die Brücke gebildet für die Entscheidung, einen therapeutischen Beruf zu ergreifen. Ich entdeckte, dass ich mich einfühlen kann, Zugang zur Sprache der Jugendlichen fand, sie für eine gewisse Zeit begleiten konnte. Und ich bekam Zugang zu dem Gegenteil von dem, was ich damals war, nämlich neurotisch gehemmt, und diese Jugendlichen waren sozusagen pathologisch enthemmt. Nicht, dass ich nun kriminell aktiv geworden wäre, aber es hat neue Dimensionen in mein Leben gebracht, meine inneren Möglichkeiten erweitert. Und nach meinen philologischen und soziologischen Studien, die nicht eben sehr geerdet waren, hatte ich jetzt zum ersten Mal das Gefühl: ‚Ich bin brauchbar.‘ Das kurierte ein Stück weit mein bedrohtes Selbstwertgefühl und half mir, beruflich eine neue Richtung einzuschlagen. Diese Zeit war deshalb tatsächlich ein Wendepunkt.“
Moser beschließt, Psychoanalytiker zu werden, und absolviert seine Ausbildung im Frankfurter Sigmund-Freud-Institut. Die damit verbundene Analyse und Lehranalyse wird zu einem langen Genesungs- und Leidensweg. Er ist gepflastert mit hilfreichen Phasen, aber auch Therapieabbrüchen, Enttäuschungen und Kränkungen – auf seiner Seite wie auf der seiner Therapeuten. Mit dem Buch Lehrjahre auf der Couch. Bruchstücke meiner Psychoanalyse, das 1974 erscheint, beginnt er den analytischen Prozess am eigenen Beispiel zu dokumentieren und zu sezieren – nicht unbedingt zur Freude seiner Kollegen, obwohl dieser Text noch in Verehrung und Zuneigung seinem „geduldigen Analytiker“ gewidmet ist. Das Buch ist gewissermaßen ein skandalumwitterter Erfolg und wird begierig verschlungen von vielen, die sich einer Psychoanalyse unterziehen – damals und vor allem für die 68er-Generation fast ein Muss.
Aber der Analysand, Ausbildungskandidat und junge Analytiker Moser gerät nicht so, wie vorgesehen. Er hat seine Mühe mit den analytischen Institutionen, diagnostiziert sich mit Vorliebe selbst (und anders als die Gremien, die über den Fall beraten), stürzt immer wieder in Depressionen, ohne vom Ziel abzulassen, selbst andere zu therapieren. Die sieben Höllenkreise Dantes scheinen für ihn nicht auszureichen. Irgendwann erhält er das Etikett „nicht therapierbar“. In Jakobs Kampf mit dem Engel – „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“ – geht dem Engel die Puste aus.
Denn offensichtlich verfolgt dieser „Jakob“ mit einer bei seiner Kränkbarkeit unglaublichen Vitalität und Hartnäckigkeit, unbändiger Wut und nicht auszulöschender Sehnsucht sein Ziel, die ersehnte Segnung (und Heilung) durch ebendiese Psychoanalyse zu erhalten, die er sich erkoren hat. Die Sehnsucht erfüllt sich nur bedingt, die Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse – man kann sie in verschiedenen Büchern Tilmann Mosers mitverfolgen – wird zur Passion im doppelten Sinne.
„Die Psychoanalyse war tatsächlich meine Leidenschaft; in der doppelten Bedeutung, dass ich sie leidenschaftlich betrieben habe und sie mich begleitet hat in meinem Leiden. Das Wort ‚Passion‘ klingt ein bisschen religiös, aber meine Anfänge waren in der Tat religiös und ich habe auf die Psychoanalyse ursprünglich auch fast eine religiöse Grundübertragung gehabt, als ob es eine Heilslehre sei. Dabei gab es natürlich Enttäuschungen, vor allem durch den überlangen Glauben an die Methode, bis ich verstanden habe, dass es auf mehr ankommt als die Methode, nämlich den Menschen im Analytiker und später meine Zugewandtheit zu den Patienten oder auch meine Experimentierfreude.“
Neben seiner Ausbildung schreibt Tilmann Moser für die Stuttgarter Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Er berichtet über den ersten Auschwitzprozess in Frankfurt, der 1963 beginnt. Das Schreiben fällt ihm leicht – so wie er in seinem Buch Bekenntnisse einer halb geheilten Seele rückblickend mit nur einem Satz bemerkt, dass es ihm immer leicht gefallen sei, seinen Unterhalt zu verdienen. Sehr viel belastender ist die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands und der Frage, welche Rolle die eigene Familie in diesem Zusammenhang gespielt hat. Eine Frage, die nicht nur Tilmann Moser, sondern eine ganze Generation umtreibt, die ihre Eltern endlich zur Rede stellen und zur Verantwortung ziehen wollte. Die Justiz bleibt eine Größe in seinem Lebenslauf, 1969 wird er, neben seiner beginnenden therapeutischen Praxis, Dozent für Psychoanalyse und Kriminologie am Fachbereich Rechtswissenschaft der Frankfurter Universität.
Seit 1979 arbeitet Tilmann Moser in freier Praxis in Freiburg. Seine Kassenzulassung hat er mit 68 Jahren endgültig aufgeben müssen, nicht aber seine therapeutische Arbeit. Und die hat sich im Laufe der Zeit erheblich gewandelt. Auch davon legen verschiedene Bücher Zeugnis ab: Von der allein selig machenden Lehre führt Tilmann Mosers Weg zur Vielfalt therapeutischer Möglichkeiten. Das Wort hat seinen „Alleinstellungsanspruch“ verloren. Dafür darf auch der Körper „sprechen“.
„Ich traue dem Wort sehr viel zu, im Wort liegt eine große Kraft – in dieser Hinsicht bin ich immer noch ganz Psychoanalytiker“, sagt Moser. „Aber es kommt dabei auf die Darreichungsform an, wie ich es nenne, auf die Art und Weise, wie ich mit Stimme, Ausdruck, Wortwahl und Gesten den Inhalt vermittle. Zum Beispiel kann ein kleines, jedem Satz vorangestelltes ‚Aber‘ mit seinem leicht vorwurfsvollen Ton, mit seinem verdeckten Anspruch, den andern ein klein wenig ins Unrecht zu versetzen, wie es einer meiner analytischen Lehrer tat, viel zerstören: ‚Aber Sie müssen doch selbst sagen …‘“
Das sei das eine, die Darreichungsform des Wortes. „Aber zum andern ist es so, dass die Körpertherapie, die ich in die analytische Arbeit integriert habe, oft viel schneller zum Patienten durchdringt. Wenn ich einem Patienten anbiete, seine Hand zu halten in einer bestimmten schmerzlichen Situation, die er durchlebt, kann das unter Umständen Blockaden auflösen, an denen man verbal Stunden und Stunden hätte arbeiten müssen. Oft ist ein erlösender Tränenstrom die Folge.“
Und so lässt die Praxis in dem großen alten Haus in Freiburg den Patienten viele Wahlmöglichkeiten, die sie mit dem Therapeuten erproben können. Da gibt es nach wie vor die klassische Couch, aber der Stuhl des Analytikers muss nicht unbedingt dahinter-, sondern kann auch danebenstehen. Es gibt ein Sofa, Stühle, Knautschsäcke, auf denen man sitzen, sich lümmeln, auf die man einschlagen kann, Kunststoffschläger, deren Einsatz nicht gleich zum Knock-out führt. Es gibt Kuscheltiere und nicht zuletzt eine Empore, die man über eine Wendeltreppe erklimmen kann, um im Rollenspiel von oben auf sich selbst hinunterzusehen und sich Absolution zu erteilen.
„Es ist interessant“, schmunzelt der Überlebende einer heftigen religiösen Neurose, „dass die Patienten, die eine solche Problematik haben, viel milder und gnädiger mit sich verfahren, wenn sie von dort oben in der Rolle Gottes auf sich selbst hinunterschauen.“ Ja, möchte man hinzufügen, die Machtfülle macht es doch ein wenig einfacher, großzügig zu sein, als wenn einen Ohnmachtsgefühle selbstverteidigend in die Enge treiben.
Wie sieht es mit seiner eigenen Vorstellung vom Himmel heute aus? „Er ist noch da, räumlich sozusagen. Da ist die Erde, und da ist der Himmel, so wie man das früher verstanden hat. Aber der Himmel ist leer. Ich schaue in ein leeres Gehäuse. Und da ist nichts mehr drin, was mich etwas angehen würde. Insofern ist für mich nach dem Tod nichts mehr. Ich habe aber keine Probleme mit der Religiosität von Patienten oder Bekannten und Freunden. Ich beobachte, dass manche Menschen mit dem Alter sich der Religion wieder mehr zuwenden, sogar wieder in die Kirche gehen. Ich kann das gut akzeptieren, auch wenn es für mich selbst nicht so ist, und ich glaube, ich kann Patienten, die sich mit ihrem überstrengen Gottesbild herumschlagen, dabei unterstützen, dieses Bild hilfreich zu verändern, es zu entneurotisieren.“
Ob er meint, dass der Mensch wenigstens Utopien, eine Paradiesvorstellung für das Diesseits braucht, wenn es schon kein Jenseits gibt? Tilmann Moser denkt lange nach. „Ja, ich glaube schon. Oder, nein, besser so: Der Mensch braucht Utopien in verdünnter Form. Die unverdünnte Utopie hat meist etwas Totalitäres, führt zu nichts Gutem. Aber in verdünnter Form brauchen wir sie, als Hoffnung beispielsweise, als Vorstellung, wie etwas in fünf Jahren vielleicht besser aussehen könnte. Die Hoffnung ist unendlich wichtig. Man sieht ja bei der Depression, wie schrecklich es ist, wenn die Hoffnung verschwunden ist.“
Immer geht es in der Therapie auch darum, Hoffnung aufrechtzuerhalten oder wieder möglich zu machen, und es gibt verschiedene Wege, diesen Zustand zu erreichen. Manchmal muss man sie alle nutzen. „Ich selbst habe mich 20 Jahre lang geweigert, Antidepressiva zu nehmen. Ich war so fixiert auf die psychoanalytische Methode, dass Medikamente für mich nicht in Frage kamen: Nur das Wort, nur das eigene Durcharbeiten zählten. Bis mir, nach Jahrzehnten, ein Psychiater sagte: ‚Nun trauen Sie doch auch einmal uns etwas zu. Wir können auch was.‘ Und er hatte recht. Ich empfehle depressiven Patienten heute durchaus – nicht bei jeder Stimmungsschwankung selbstverständlich –, einen Psychiater aufzusuchen, der möglichst auch Therapeut ist, und sich einer medikamentösen Therapie zu unterziehen. Man kann die analytische Arbeit trotzdem fortführen, die Medikamente helfen sogar oft auch im Fortgang der Therapie, weil die Patienten nicht mehr so tief verzweifelt sind. Aber manche lehnen Antidepressiva rigoros ab, als etwas Fremdes, das von ihnen Besitz ergreifen und sie abhängig machen könnte. Ich beobachte tatsächlich manchmal so etwas wie eine Dämonisierung der Medikamente.“
Der Mensch sucht sich seine Dämonen, auch im Zeitalter der Aufklärung.
Tilmann Moser braucht keine Dämonen mehr, im Gegenteil, eine gewisse gelassene Selbstironie schwingt in manchem Lächeln unter dem Schnauzbart mit. Es wird nicht mehr eingeklagt, was nicht eingefordert werden kann. Die Fahne rebellierender Anklage, ob sie nun berechtigt oder unberechtigt, selbstgerecht oder auch selbstzerfleischend war, hat sich leise gewandelt zu einem Flickenteppich der Versöhnung mit sich und anderen.
An diesem Punkt kommt auch die Positive Psychologie ins Spiel, mit ihrem Ansatz, eher bei den „positiven Resten“, den Ressourcen anzusetzen und diese zu stärken, statt den Patienten seine Traumata erneut bis in alle Tiefen durchleben und durcharbeiten zu lassen. Tilmann Moser sieht diese Tendenz durchaus positiv. „Ich selbst bin jemand, der das Trauma angeht; es vielleicht nicht voll durchleben lässt, aber auch nicht umgeht. Aber ich stimme völlig zu, dass es sehr wichtig ist, ressourcenorientiert zu arbeiten. Die Körperpsychotherapie, die ich anwende, erlaubt mir aber noch einen anderen Ansatz, nämlich im Zustand der Regression eine innere Alternative anzubieten. In der klassischen Psychoanalyse schleppt sich das oft lange hin mit dem Trauma, weil der richtige seelische Nährstoff fehlt, psychosomatisch gesprochen. Aber auch da würde ich sagen, das ist von Patient zu Patient verschieden. Dem einen traut man zu, das Trauma aufzuarbeiten, bei einem andern ist es vielleicht besser, die positiven Ressourcen anzuschauen, nicht um das Trauma zu umgehen, sondern um es in seiner Bedeutung zu reduzieren.“
Er selbst ist seinen Traumata auf den Grund gegangen, immer wieder. „Letztlich geht es darum, sich mit der Existenz eines Traumas abzufinden, damit, dass es immer wieder auftaucht. Ziel ist, zu lernen, auch in Zeiten der Niedergeschlagenheit oder der Reizbarkeit damit umzugehen – im Gegensatz zum ‚Immer-wieder-Durchleben‘.“
Wie definiert Tilmann Moser „Glück“? „O je“, er lacht, „ob ich, wann ich glücklich bin?“ Pause. „Das ist schwierig. Wenn etwas gelingt, wenn man etwas macht, und es glückt … Ich mache zum Beispiel Musik, mit Kollegen, Kammermusik, auch da gibt es Zustände von Glück, von Einklang, Zusammenklang. Es ist vielleicht wie bei der Utopie. Auch beim Glück gibt es Abstufungen in der Intensität. Man muss sich manchmal mit dem kleinen oder mittleren Glück zufriedengeben. Langlaufen, eine Wanderung in der Sonne, das macht glücklich, aber das ist natürlich ein punktuelles Glück. Und dann gibt es Formen des Glücks, die eher dauerhaft sind, wie in einer Beziehung.“
Und das „große Glück“? Er lacht, erst leise, dann schallend. „Da traue ich mich nicht dran.“ Den gedanklichen Vorschlag, dass das „große Glück“ wohl die Verschmelzung wäre und wir den Gedanken an das „große Glück“ nicht aufgeben, weil wir nicht aufhören, uns nach Symbiose zu sehnen, lässt er gelten. Man bemüht sich dann halt um das realistische Maß.
Auf die Frage, welche Bedeutung Heiterkeit und Humor in seinem Leben haben, antwortet er schnell und lebhaft. „Humor finde ich sehr wichtig. Er fließt auch ein in die Behandlungen, in den Umgang mit Menschen, mit meinem Sohn. Humor ist eine Sache der Begabung wie der Übung. Es ist ja ein Lernprozess: Man macht sozusagen Probesprüche und guckt, wie es aufgenommen wird. Ich hatte ihn nicht von Anfang an.“
Humor bringt die Dinge in Fluss. Vielleicht auch die Bereitschaft, versöhnlich zu sein? Moser denkt nach. „Versöhnlichkeit? Die Versöhnung mit mir und andern, das bleibt eine Baustelle. Es ist ein gutes Gefühl, wenn sie glückt. Aber sie muss nicht in der Totalität gelingen. Genau wie beim Glück gibt es viele kleine Aspekte … Ich schrecke durchaus zurück vor der Erkenntnis, dass es Dinge gibt, denen ich unversöhnlich gegenüberstehe. Wenn ich auf einen Aspekt stoße, wo ich versöhnlich sein kann, bin ich froh. Dann sag ich mir dankbar, ich bin gereift. Aber es gibt Sachen, die ich mir nicht leicht vergebe, an denen ich nach wie vor laboriere.“
Wir rücken einer Frage näher, die im Rahmen eines Porträts zum 70. Geburtstag nicht fehlen darf. Wie steht Tilmann Moser zum Alter? Ist das Altern per se eine narzisstische Kränkung? Auch hier Nachdenklichkeit. Keine vorgefasste Meinung. Tilmann Moser ist nicht festgefahren, von Alter keine Spur. Auch wenn die Strickweste über dem Hemd und die Hausschuhe etwas anderes behaupten.
„Zum Teil wird es schwieriger.“ Pause. „Manches wird auch leichter. Da sind Dinge, die man nicht mehr verändern kann, und das Alter sagt einem, das musst du akzeptieren. Das oder jenes ist nicht geglückt. Aber im Umgang mit andern erlebe ich mich heute versöhnlicher. Auch was meine Eltern angeht. Manchmal, wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich die Ähnlichkeit mit meinem Vater. Es ist eine Mischung aus: Aha, so sehe ich auch aus! Und es ist ein partielles Erschrecken dabei, weil mich dieses Spiegelbild auch auf seine Begrenzungen hinweist, ein Geschlagensein, von dem ich versucht habe, mich abzusetzen. Ein großer Teil meines Lebens war Rebellion genau dagegen. Lange Zeit habe ich gedacht: Ich möchte auf keinen Fall so werden wie er. Auch das Bild der Männlichkeit in der Ehe, das er vorlebte, war für mich eher peinvoll. Aber das typische 68er-Verhalten – Wie konntet ihr nur? –, das habe ich überhaupt nicht mehr, zumindest was das Mitläufertum meines Vaters angeht. Ein wirkliches Vorbild ist mein Vater mir allerdings, was den Humor angeht.“
Er denkt noch einmal über das Alter nach und setzt neu an.
„Oder ich könnte es auch so formulieren: Die Kränkbarkeit hat abgenommen. Das bringt Versöhnlichkeit mit sich. Das würde ich als einen Vorteil des Alters sehen: dass ich viel gelassener und humorvoller bin. Die Zeit meiner Unversöhnlichkeit war die Zeit zwischen 40 und 50. Wo ich meine Kraft gebraucht habe gegenüber der orthodoxen Analyse, gegenüber der Religion. Vielleicht empfinde ich das Alter deshalb nicht als besonders kränkend, weil ich mich noch nicht alt fühle. Sicher kränkt mich einiges in der Bilanz meines Lebens, was ich nicht zustande gebracht habe. Aber ich bin gesund, empfinde körperlich noch keine Beeinträchtigungen. Eher macht mir das Gedächtnis zu schaffen. Es macht zum Beispiel keinen Sinn mehr, dass ich Fachliteratur lese, weil ich das Gelesene nicht behalte. Es ist ein Abschied von der Fähigkeit, auf breiter Basis neues Wissen aufzunehmen. Ich denke, ich muss mit dem auskommen, was ich gelernt habe, ich muss mit dem Fundus arbeiten, den ich habe. Oder mein Sohn möchte gern mit mir Ski laufen, aber da merke ich zum Beispiel, es fasziniert mich nicht mehr ausreichend, mit den schweren Skistiefeln zur Talstation zu laufen und auf die Bahn zu warten. Die Lust an einer bestimmten Sportart – solche Dinge gehen zurück.“
Mit dem Weg, den er in der therapeutischen Arbeit gegangen ist, ist Tilmann Moser zufrieden. Sicher, meint er, hat er die von ihm und anderen in die Psychoanalyse eingeführte Körperarbeit, die Methode der psychoanalytischen Körperpsychotherapie, im Laufe der Jahre modifiziert, aber im Wesentlichen hat sich diese Therapieform für ihn bewährt und erbringt gute Erfolge.
Ihm selbst hat die Psychoanalyse geholfen zu überleben, das würde er auch heute noch so formulieren. „Ich würde sagen: Sie hat die Hoffnung aufrechterhalten. Das heißt nicht, dass sie mich fundamental geheilt hätte, sondern ohne die Hoffnung, die ich in die Psychoanalyse gesteckt habe, hätte ich nicht überlebt. Diese Hoffnung hat mich gerettet, selbst wenn die Enttäuschung über die Grenzen der Möglichkeiten sich hinterher einstellte. Man kann sagen, das ist mager, aber es ist etwas.“
Immer wieder kommen auch Menschen zu Tilmann Moser in die Therapie, die schon eine Reihe anderer missglückter Therapien hinter sich haben. Der Umgang damit macht ihm heute keine Mühe mehr. „Am Anfang hat diese Tatsache noch meine Größenfantasien angesprochen, das ist heute nicht mehr so. Ich sage, ich probier’s. Ich weiß, was ich kann, aber ich weiß auch, dass ich nicht alles kann. Und ich versuche immer erst Klarheit darüber zu gewinnen, was geschehen ist, warum der vorherige Abbruch erfolgt ist oder auch das einverständliche Ende. Zunächst muss eine Einsicht und ein Umgang damit gefunden werden. Ohne diesen Prozess der Bilanz beim Patienten fange ich nichts Neues an. Manchmal spielte bei mir allerdings noch ein Stück latenter Rivalität mit einem manchmal unbekannten Kollegen mit, die Frage, warum hat der das nicht hingekriegt, was hat der falsch gemacht?“
Unser Gespräch ist fast zu Ende. Der Mann in der Manchesterhose mit den grauen Haaren wirkt kleiner, als er ist, und ist stärker, als er aussieht. Was er im Leben noch möchte? „Reisen. Obwohl ich gerade neulich gelesen habe, dass die meisten Rentner sich das wünschen: reisen, und es dann doch nicht tun. Da bin ich erschrocken und habe gedacht, hoffentlich tue ich es dann auch.“
Was er im Leben versäumt hat? „Familie. Ich war nie verheiratet. Ich bin mit der Mutter meines Sohnes gut befreundet, nur was Familie angeht … da bin ich noch auf der Suche.“
Aber bei dem langen Atem, der Beharrlichkeit und der Leidenschaft, mit der er zeit seines Lebens ein Suchender gewesen ist, stehen die Zeichen hoffentlich auch in Bezug hierauf gut.
Literatur von Tilmann Moser:
© Psychologie Heute 2010
Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Psychologie Heute 8/2008, Seite 44 ff. Heft 8/08 bestellen
Fotos: Stefan Blume
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