Zur Wohnanlage gehören fünf Tennisplätze und ein Schwimmbad. Das war ihm wichtig, als er von Hamburg nach Stuttgart zog. Schließlich will Reinhard Tausch auch mit seinen 85 Jahren noch Tennis spielen. Eine Kriegsverletzung am Fuß verursacht manchmal Schmerzen. Aber zu seinem Leben gehört es, sich zu bewegen. Auch geistig ist er in Bewegung geblieben. Noch immer gibt Tausch Seminare an der Universität Hamburg, wo er von 1965 bis 1987 Professor der Psychologie war. Noch immer leitet er Forschungsarbeiten an. Und in seiner Stuttgarter Wohnung empfängt er regelmäßig Patienten.
Reinhard Tausch ist in Deutschland vor allem als Promotor der Gesprächspsychotherapie bekannt. Diese neben der Psychoanalyse und der Verhaltenstherapie dritte große Richtung der Psychotherapie wurde in den USA von Carl Rogers begründet. Rogers nannte sie „klientenzentrierte Psychotherapie“. Denn er wollte, dass sich die Behandlung der Person des Klienten widmet und nicht den Symptomen seiner seelischen Störung. „Nichtdirektiv“ sollte sie sein, das heißt ohne Verhaltensmanipulation und ohne Deutung auskommen. Der Therapeut sollte dem Patienten achtend, echt und einfühlsam begegnen.
Diese therapeutischen Prinzipien von Rogers imponierten Reinhard Tausch. Nach seinen Erfahrungen mit autoritärem Verhalten in Deutschland war er begeistert, hier etwas zu finden, das er in der Kommunikation zwischen den meisten Menschen vermisste: dass man sich in den anderen einfühlt, dass man versteht und fördert statt zu dirigieren oder zu manipulieren. Danach hatte er immer gesucht.
Tausch brachte diese neue Methode in den 1960er Jahren nach Deutschland und etablierte sie gegen viele Widerstände an der Universität. Seine Hamburger Professorenkollegen drohten damals, ihn beim Gesundheitsamt anzuzeigen, weil Psychologen keine Psychotherapie ausüben dürften. Tausch reagierte taktisch geschickt: „Gespräche können sie mir nicht verwehren“, dachte er und erfand den Begriff „Gesprächstherapie“ – als „Tarnnamen“, wie er heute sagt. Mit durchschlagendem Erfolg. Die „GT“ verbreitete sich in keinem anderen Land so sehr wie in Deutschland. Das mit seiner Frau Anne-Marie Tausch verfasste Lehrbuch erlebte zwischen 1960 und 1990 neun Auflagen.
1967 gründete Tausch in Hamburg die erste psychotherapeutische Beratungsstelle an einem Psychologischen Universitätsinstitut. Dort führte er zahlreiche Studenten an die therapeutische Arbeit heran. Alle zeichneten ihre Sitzungen auf Tonband auf, um in Supervisionen Ausschnitte vorzuspielen und Material für die Forschung zu haben. Die Patienten erhielten Fragebogen, auf denen sie ihre Zufriedenheit mit der Therapie beurteilten. Keine andere psychotherapeutische Methode nahm die empirische Kontrolle ihrer Wirkung so früh so ernst wie die Gesprächspsychotherapie.
Tausch wurde 1921 geboren und wuchs in autoritären Zeiten auf, zunächst in Braunschweig, dann in Berlin und Marienburg (Ostpreußen). Der Berliner Dialekt färbt heute noch seine Rede. Ein guter Schüler sei er nicht gewesen, fast immer habe er gegen autoritäre Lehrer opponiert, erzählt er lächelnd. Mit 17 Jahren wurde er zum Kriegsdienst eingezogen. Bei Kriegsende lag er mit einem Durchschuss am Fuß und einem Schulterschuss ein Jahr in verschiedenen Lazaretten. Vor dem Krieg hätte es ihn gereizt, eine kaufmännische Ausbildung zu machen und auszuwandern. Psychologe oder sogar Professor zu werden, daran hatte er nie gedacht. Mehrere Zufälle brachten ihn auf diese Spur.
Der erste war, dass in Hannover, wo er im Lazarett lag, Studenten für das Lehramt gesucht wurden, die keiner NS-Organisation angehört hatten. Eine Krankenschwester erzählte ihm das und half ihm, sich zu bewerben. Nach einem Jahr Ausbildung und Examen wollte er gerne Lehrer an einer Landschule werden. Dann jedoch nominierte ihn die Pädagogische Hochschule für ein Weiterstudium an der Universität, was er nur zögernd annahm. Dort hörte er eine Vorlesung in Psychologie und hatte das Gefühl: „Das kannst du gebrauchen, um den Schülern in ihrer Entwicklung zu helfen.“ Nach der Erfahrung tiefster Sinnlosigkeit im Krieg sehnte er sich danach, nur noch Dinge zu lernen und zu tun, die einen Sinn haben und den Menschen helfen.
Er blieb bei der Psychologie, wurde Assistent an der Universität Marburg und forschte einige Jahre in der experimentellen Wahrnehmungspsychologie, vor allem über optische Täuschungen und räumliches Sehen. Es faszinierte ihn, wissenschaftliche Fragen praktisch, also durch Experimente zu beantworten. Eine geradezu kindliche Neugier auf empirische Befunde ist bis heute zu spüren.
Eines jedoch konnte er mit seinen Forschungen nicht beantworten: die Fragen von Menschen, die ihn als Psychologen um Rat bei Lebensproblemen baten. Das machte ihm zu schaffen. Nachdem er Rogers’ Bücher gelesen hatte, begann er an der Universität Gespräche mit Patienten zu führen, erst mit Erwachsenen, dann auch mit Kindern. Die Studenten durften im Nebenraum über Lautsprecher zuhören. Das Kapitel Wahrnehmungspsychologie war abgeschlossen.
Seit nunmehr 50 Jahren durchziehen drei Grundfragen das wissenschaftliche und berufliche Schaffen von Reinhard Tausch:
Wie können Schüler besser lernen?
Wie kann seelisch Leidenden besser geholfen werden?
Wie kann man Menschen helfen, ihre Lebensprobleme selbst zu bewältigen?
Tausch wandte sich zunächst der Erziehungspsychologie zu und ging 1954 als Dozent an die Pädagogische Hochschule Weilburg. Er glaubte, dass eine Änderung des sozialen Klimas in der Schule Kinder später weniger anfällig für autoritäre Strukturen machen würde. Um dies zu begründen, untersuchte er das konkrete Verhalten der Lehrer und fand heraus: Sie stellten im Durchschnitt 60 Fragen pro Unterrichtsstunde und arbeiteten vorzugsweise mit Kritik und Abwertung der Schüler. Diesen Stil versuchte er zu ändern, durch wissenschaftliche Untersuchungen, Demonstrationsunterricht oder Lehrertrainings, in denen er in Rollenspielen eine förderliche Kommunikation mit den Schülern üben ließ. Er propagierte weniger Frontalunterricht, mehr Kleingruppenarbeit und das persönliche Engagement der Lehrer in einem „schülerzentrierten“ Unterricht. Sein mit seiner Frau als Forscherpaar gemeinsam verfasstes Buch Erziehungspsychologie wurde ab 1963 zu einer Bibel reformorientierter Pädagogik – und 190.000-mal verkauft.
In Anlehnung an Rogers bezeichnete das Ehepaar Tausch Achtung und Wärme, Einfühlung sowie nichtdirigierendes Fördern als die Trias sinnvollen erzieherischen Verhaltens. Wer so auf die Schüler eingehe, erziele bessere Leistungen. Noch heute streitet Reinhard Tausch für diese Einsicht. Nach eigenen neueren Untersuchungen ist es nach wie vor erschreckend, wie wenig förderlich Schüler, vor allem Gymnasiasten, ihre Lehrer erleben.
Ein besonderes Anliegen war für Tausch, dass Texte verständlich verfasst werden, auch und gerade in Schulbüchern. 1974 schrieb er das Buch Sich verständlich ausdrücken – gemeinsam mit seinen Schülern Inghard Langer und Friedemann Schulz von Thun, der später durch seine Bücher Miteinander reden zum Starautor wurde (siehe: „Eigentlich bin ich ein Kommunikationsmuffel“, Heft 1/2005).
Tauschs eigene wissenschaftliche Aufsätze und Bücher sind immer verständlich geschrieben. Er begründete geradezu einen eigenen Stil. Sätze wie „Untersuchungen weisen nach: …“ oder „Die Ergebnisse: …“ oder „Dabei stellte sich heraus: …“ markieren Tauschs Fingerzeig mit dem Doppelpunkt, bei ihm eine allgegenwärtige Stilfigur, die man bei seinen Schülern wiederfindet.
Über Stationen als Dozent an Hochschulen in Weilburg, Kettwig-Duisburg und Köln kam Reinhard Tausch 1965 als Professor an die Universität Hamburg. Dort füllte er bald die Hörsäle. In der Festschrift zu seinem 80. Geburtstag schrieb Professor Bernhard Dahme: „Es faszinierten seine Ideen und die eher bedächtige Eindringlichkeit, mit der er sie vorbrachte.“ „Da vertrat jemand eine menschliche Schule, einen Abschied von Besserwisserei und therapeutischer Direktivität“, so kennzeichnen die Psychologen Michael Behr und Susanne Vahrenkamp die Faszination, die von Tausch ausging. Er unterbrach – etwas völlig Neues damals – seine Vorlesungen, damit sich die Studenten in kleinen Gruppen austauschen oder das Gehörte einüben konnten. In den Sommerferien traf er sich mit Studenten in einem Zeltlager an der Ostsee.
Während der unruhigen Jahre der Studentenbewegung suchte Tausch den Dialog. Mit einem der Wortführer ging er essen, um dessen Motive und Ansichten zu verstehen. Später wurde der junge Mann sein Doktorand. An seine Zimmertür hängte Tausch ein Schild: „Wenn du mich duzen willst, dann tue es.“ Sie taten es. „Reinhard ist für mich der Inbegriff verwirklichter Menschlichkeit, die erfahrbar, sichtbar, lebbar geworden ist“, schreibt die frühere Studentin Marlies Lohmann in der Festschrift. Tausch teilte die Skepsis der Studenten gegenüber „den Kapitalisten“. Er wollte eine „Psychologie für die Menschen auf der Straße“.
Tausch ist ein Kommunikator par excellence, und mit seiner Haltung, von den anderen wissen zu wollen, was sie wissen möchten, scharte er eine große Gruppe von Schülern um sich. Er bildete keine Schule, aber er stiftete einen besonderen Geist und knüpfte ein enges Netz.
Wie kaum ein anderer Psychologe in Deutschland drückte Tausch einem Institut seinen Stempel auf. Wegen der Auseinandersetzungen mit zwei Professorenkollegen hatte der Universitätspräsident ein neues Institut eingerichtet, das Psychologische Institut III, an dem Tausch klinische Psychologie lehrte. Über 60 Doktoranden zog er dort heran. Mit vielen veröffentlichte er gemeinsam Forschungsberichte.
Was die Psychologie Sinnvolles zu bieten hat, wollte Reinhard Tausch nicht nur an die Studenten weitergeben. Er trug es auch in die breite Öffentlichkeit. Ende der 1970er Jahre ließ er vom Südwestfunk dreitägige therapeutische Gesprächsgruppen filmen, nebst einem Nachtreffen im Abstand von vier bis sechs Wochen. 15 Filme über Gespräche in Gruppen wurden vom Fernsehen ausgestrahlt. Damit wollte Tausch zeigen, wie sich, nach den Grundsätzen von Carl Rogers, Menschen in Gruppengesprächen gegenseitig helfen können. Die Sendungen wurden mehrfach ausgestrahlt, die Publikumsresonanz war enorm.
Angeregt zur Gruppenarbeit wurde er durch Carl Rogers selbst. Zu dessen Großgruppen fuhr er mit seiner Frau, später auch mit seinen Kindern und seinen Schülern, regelmäßig in die USA. Dort habe er gelernt, seine eigenen Gefühle besser auszudrücken und die Gefühle anderer Menschen anzusprechen. Mit Rogers verband ihn eine Freundschaft.
Der Wissenschaftler und Psychotherapeut Reinhard Tausch zeigte sich der Öffentlichkeit auch von einer sehr privaten Seite, als seine Frau Anne-Marie an Krebs erkrankte. Sie hatte gerade ein Forschungsprojekt zur Gesprächstherapie bei krebskranken Frauen begonnen, als bei ihr Brustkrebs in fortgeschrittenem Stadium festgestellt wurde. Anne-Marie Tausch sprach darüber in ihren Gruppen, aber auch in Rundfunk und Fernsehen. Und sie schrieb das Buch Gespräche gegen die Angst. In dem bewegenden Buch Sanftes Sterben stellte Tausch später dar, wie seine Frau dem Tod entgegenging und wie die Familie sie auf dem langen Weg des Abschieds begleitete. Ihr tägliches Ziel, schreibt Reinhard Tausch über Anne-Marie, war, „nicht zu sterben, wenn man noch lebt, sondern zu leben, während man stirbt“. Diese Haltung zeigte ihm, wie seelischer Halt in sich selbst und in den Beziehungen zu anderen Menschen über schwere Schicksalsschläge hinweghelfen kann. Tausch verlor bald nach seiner Frau auch noch eine seiner drei Töchter.
In der Zeit des Sterbens seiner Frau begann er noch bewusster zu leben. Er stellte seine Ernährung um und fing an, Hatha-Yoga zu praktizieren. Bis heute isst Tausch kein Fleisch, raucht nicht, trinkt keinen Tropfen Alkohol – dazu sei ihm sein Gehirn zu kostbar. Er schwimmt und spielt Tennis und macht jeden Tag Atem- oder Muskelentspannung. Früher joggte er auch mehrmals in der Woche, bis ihn die Folgen seiner Kriegsverletzung zwangen, damit aufzuhören. Man könnte seine Lebenseinstellung meditativ nennen: gelassen und zugleich voll wacher Aufmerksamkeit.
Während der Krankheit seiner Frau begann er die Lehren des Buddha zu studieren. In seinem Buch Hilfen bei Stress und Belastung findet man buddhistische Ideale wieder: Achtsamkeit, Gelassenheit, Loslassen, Annehmen und Dankbarkeit. Und wie im Buddhismus Körperübungen diesen Zielen dienen, so kann sich Tausch keine Psychotherapie mehr vorstellen, die ohne Entspannungsübungen auskommt.
Therapeutisch ist Tausch ein Pragmatiker. Er zieht alles heran, was hilft. Und dazu rechnet er das, was in empirischen Untersuchungen seine Nützlichkeit bewiesen hat. Er plädiert für eine „multimodale“ Psychotherapie, die Gesprächspsychotherapie, Verhaltenstherapie, mentales Training, Techniken zur Stressverminderung und Entspannungsübungen nutzt. Mit allen Patienten, die er heute selbst behandelt, praktiziert er Atem- und Muskelentspannung.
In der Gesprächspsychotherapie machte er die Wendung anderer Therapeuten hin zu einer störungs- und prozessorientierten Differenzierung nicht mit. In seiner Darstellung der Gesprächspsychotherapie kommt die Methode ohne eine Theorie der Entstehung psychischer Störungen aus. Vielleicht ist das so, weil er sich in seinen Schriften mehr Menschen mit Lebensproblemen zuwendet als Menschen mit schwerwiegenden seelischen Störungen. In der Ankündigung seiner psychologischen Gruppengespräche, die er mit anderen seit 1981 zweimal im Jahr anbietet, werden als Themen Stressbewältigung, Umgang mit Ängsten, Schwierigkeiten in der Partnerschaft, im Führungsverhalten oder in Beziehungen genannt. Und als Zielgruppe Menschen, die „im Beruf und im Privatleben an Spannungen, Überforderungen, Hetze, negativen Gedanken, Ängsten oder Ärger“ leiden. Das lässt eher an eine Art Lebenscoaching für Menschen denken, die Hilfe suchen, aber in der Lage sind, sich selbst zu helfen.
Beim Lesen von Tauschs Schriften bleibt manchmal ein Zweifel, ob Veränderung wirklich so einfach geht. Vor allem bei Menschen, die sich selbst nicht mehr helfen können. Doch Tausch strahlt eine Zuversicht aus, dass es so ist und dass er fast allen Patienten in acht bis zwanzig Stunden Kurztherapie helfen kann.
Vielleicht kann er als ein Mensch mit einer unerschütterlich wirkenden positiven Ausstrahlung vieles bewirken, das andere nicht bewirken können. Die Psychoanalyse nennt so etwas Übertragungsheilungen. Deren Stabilität hängt an der Stabilität der inneren Beziehung zum Therapeuten auch nach Abschluss der Therapie.
Eine solche Überlegung würde Tausch wahrscheinlich ablehnen. Die Psychoanalyse ist ihm ohnehin „zu kompliziert“. Angstträume hält er für „Produkte von Schaltfehlern unseres Gehirns … ohne tieferen Sinngehalt“, die man besser einfach loslässt, statt sich mit ihnen zu befassen. Schwierige Kindheitserfahrungen tauchen in seiner Theorie nicht auf. Die Psyche ist in seinen Augen vor allem bestimmt durch die Gedanken, die wir uns heute machen. Hier folgt er der kognitiven Theorie der Emotionen, die davon ausgeht, dass Gefühle ein Produkt gedanklicher Bewertungen sind. Die wichtigste Funktion der Gesprächstherapie sieht er dementsprechend darin, dem Klienten zu ermöglichen, seine eigenen Wahrnehmungen, Erfahrungen und Gedanken neu zu bewerten.
In den letzten Jahren hat sich Tausch der „positiven Psychologie“ zugewandt. Er möchte wissen, wie Menschen gut leben können, was ihnen Halt gibt, wie sie Sinn in ihrem Leben finden, wie sie ihre eigenen Ressourcen aktivieren können, was sie in ihrer Entwicklung fördert. Um das zu erfahren, befragt er die Menschen, etwa zum Thema Selbstdisziplin. So hat er oft geforscht: Einen Fragebogen entwickelt, ihn getestet, verbessert, an viele Menschen verteilt und die Ergebnisse ausgewertet. Beim Thema Selbstdisziplin bekam er heraus, dass Menschen eigene Disziplin vor allem beim Essen vermissen. Und dass Selbstdisziplin in erster Linie durch Eltern und Erziehung gelernt und durch Erfolge gefördert wird, die sich als Folge selbstdisziplinierten Verhaltens einstellen. Das passt zu Reinhard Tausch, der bei aller Lockerheit diszipliniert seine Tugenden lebt.
Tauschs Weg der Forschung war immer, die Erfahrungen der Menschen einzusammeln, um „empirisch begründete Antworten auf Fragestellungen zu gewinnen“. Will er wissen, was bei Stress hilft, befragt er dazu Hunderte von Menschen und destilliert aus ihren Antworten heraus, was hilft und was nicht. Will er wissen, was ihnen Halt gibt, lässt er sie Listen von Situationen erstellen und in großen Gruppen miteinander besprechen. Und so fragte er weiter, um zu erfahren, woraus Menschen Kraft schöpfen, was ihnen Religion bedeutet, welche Texte Angehörigen eines Sterbenden helfen oder welches Verhalten von Lehrern im Rückblick förderlich war.
Tausch holt sich die Antworten auf seine Fragen aus der Wirklichkeit. Ohne lange statistische Prozeduren verweist er auf Prozentzahlen und Signifikanzen. Als wollte er sagen: Schaut her, ist das nicht gut zu wissen. Das erfrischt, weil er die Erfahrung über Theorien und Methoden stellt und – im Unterschied zu weiten Teilen der akademischen Psychologie – die Wissenschaft vom menschlichen Erleben und Verhalten, die Psychologie, niemals von den Menschen entrückt. Zugleich hat dieses Vorgehen etwas von dem unbekümmerten Blick eines Kindes, das auf die Dinge so schaut, wie sie sich ihm darbieten, und nicht nach den Kräften fragt, die hinter oder unter der Oberfläche des Gesagten wirken. Und das noch unberührt ist von dem Zweifel, ob es so ist, wie die Menschen es einem sagen. Wenn Depressive äußern, dass ihre Kindheit in Ordnung war und die Schwierigkeiten erst in der Pubertät begannen, zieht Tausch daraus den Schluss, dass in der Kindheit nicht die Gründe für Depressionen zu suchen sind. Da er dem Weg der Empirie folgt, ist er eines auf keinen Fall: ein Ideologe, ein Anhänger einer Theorie, die auf alle Fälle richtig sein muss.
Er verkörpert, was er sagt. Er lebt geradezu das vor, was Rogers sich unter einem guten Therapeuten vorstellte: jemanden, der dem Hilfesuchenden als „wirklicher Mensch“ begegnet und dessen Basis für die Therapie das ist, „was ich bin und was ich fühle“. Bei Tausch hat man das Gefühl, dass er so ist, wie er sich im Moment zeigt. Liebevoll geht er auf einen zu und fasst auch den fremden Gesprächspartner beim Reden am Arm. Als wollte er sagen: Auch wenn wir uns noch wenig kennen, ich bin doch bei Ihnen. Echt, akzeptierend und einfühlsam.
Literatur:
© Psychologie Heute 2010
Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Psychologie Heute 4/2007, Seite 64 ff. Heft 4/07 bestellen
Fotos: Mathias Ernert
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