www.psychologie-heute.de | Reinhard Tausch im Porträt
DAS PORTRÄT
REINHARD TAUSCH

Der Mann, der uns lehrte,
einfühlsam zuzuhören

Ein Porträt von Ulfried Geuter

Über den Psychologen und Psychotherapeuten Reinhard Tausch

Zur Wohnanlage gehören fünf Tennisplätze und ein Schwimmbad. Das war ihm wichtig, als er von Hamburg nach Stuttgart zog. Schließlich will Reinhard Tausch auch mit seinen 85 Jahren noch Tennis spielen. Eine Kriegsverletzung am Fuß verursacht manchmal Schmerzen. Aber zu seinem Leben gehört es, sich zu bewegen. Auch geistig ist er in Bewegung geblieben. Noch immer gibt Tausch Seminare an der Universität Hamburg, wo er von 1965 bis 1987 Professor der Psychologie war. Noch immer leitet er Forschungsarbeiten an. Und in seiner Stuttgarter Wohnung empfängt er regelmäßig Patienten.

Reinhard Tausch ist in Deutschland vor allem als Promotor der Gesprächspsychotherapie bekannt. Diese neben der Psychoanalyse und der Verhaltenstherapie dritte große Richtung der Psychotherapie wurde in den USA von Carl Rogers begründet. Rogers nannte sie „klientenzentrierte Psychotherapie“. Denn er wollte, dass sich die Behandlung der Person des Klienten widmet und nicht den Symptomen seiner seelischen Störung. „Nichtdirektiv“ sollte sie sein, das heißt ohne Verhaltensmanipulation und ohne Deutung auskommen. Der Therapeut sollte dem Patienten achtend, echt und einfühlsam begegnen.

Diese therapeutischen Prinzipien von Rogers imponierten Reinhard Tausch. Nach seinen Erfahrungen mit autoritärem Verhalten in Deutschland war er begeistert, hier etwas zu finden, das er in der Kommunikation zwischen den meisten Menschen vermisste: dass man sich in den anderen einfühlt, dass man versteht und fördert statt zu dirigieren oder zu manipulieren. Danach hatte er immer gesucht.

Tausch brachte diese neue Methode in den 1960er Jahren nach Deutschland und etablierte sie gegen viele Widerstände an der Universität. Seine Hamburger Professorenkollegen drohten damals, ihn beim Gesundheitsamt anzuzeigen, weil Psychologen keine Psychotherapie ausüben dürften. Tausch reagierte taktisch geschickt: „Gespräche können sie mir nicht verwehren“, dachte er und erfand den Begriff „Gesprächstherapie“ – als „Tarnnamen“, wie er heute sagt. Mit durchschlagendem Erfolg. Die „GT“ verbreitete sich in keinem anderen Land so sehr wie in Deutschland. Das mit seiner Frau Anne-Marie Tausch verfasste Lehrbuch erlebte zwischen 1960 und 1990 neun Auflagen.

1967 gründete Tausch in Hamburg die erste psychotherapeutische Beratungsstelle an einem Psychologischen Universitätsinstitut. Dort führte er zahlreiche Studenten an die therapeutische Arbeit heran. Alle zeichneten ihre Sitzungen auf Tonband auf, um in Supervisionen Ausschnitte vorzuspielen und Material für die Forschung zu haben. Die Patienten erhielten Fragebogen, auf denen sie ihre Zufriedenheit mit der Therapie beurteilten. Keine andere psychotherapeutische Methode nahm die empirische Kontrolle ihrer Wirkung so früh so ernst wie die Gesprächspsychotherapie.

Tausch wurde 1921 geboren und wuchs in autoritären Zeiten auf, zunächst in Braunschweig, dann in Berlin und Marienburg (Ostpreußen). Der Berliner Dialekt färbt heute noch seine Rede. Ein guter Schüler sei er nicht gewesen, fast immer habe er gegen autoritäre Lehrer opponiert, erzählt er lächelnd. Mit 17 Jahren wurde er zum Kriegsdienst eingezogen. Bei Kriegsende lag er mit einem Durchschuss am Fuß und einem Schulterschuss ein Jahr in verschiedenen Lazaretten. Vor dem Krieg hätte es ihn gereizt, eine kaufmännische Ausbildung zu machen und auszuwandern. Psychologe oder sogar Professor zu werden, daran hatte er nie gedacht. Mehrere Zufälle brachten ihn auf diese Spur.

Der erste war, dass in Hannover, wo er im Lazarett lag, Studenten für das Lehramt gesucht wurden, die keiner NS-Organisation angehört hatten. Eine Krankenschwester erzählte ihm das und half ihm, sich zu bewerben. Nach einem Jahr Ausbildung und Examen wollte er gerne Lehrer an einer Landschule werden. Dann jedoch nominierte ihn die Pädagogische Hochschule für ein Weiterstudium an der Universität, was er nur zögernd annahm. Dort hörte er eine Vorlesung in Psychologie und hatte das Gefühl: „Das kannst du gebrauchen, um den Schülern in ihrer Entwicklung zu helfen.“ Nach der Erfahrung tiefster Sinnlosigkeit im Krieg sehnte er sich danach, nur noch Dinge zu lernen und zu tun, die einen Sinn haben und den Menschen helfen.

Er blieb bei der Psychologie, wurde Assistent an der Universität Marburg und forschte einige Jahre in der experimentellen Wahrnehmungspsychologie, vor allem über optische Täuschungen und räumliches Sehen. Es faszinierte ihn, wissenschaftliche Fragen praktisch, also durch Experimente zu beantworten. Eine geradezu kindliche Neugier auf empirische Befunde ist bis heute zu spüren.

Eines jedoch konnte er mit seinen Forschungen nicht beantworten: die Fragen von Menschen, die ihn als Psychologen um Rat bei Lebensproblemen baten. Das machte ihm zu schaffen. Nachdem er Rogers’ Bücher gelesen hatte, begann er an der Universität Gespräche mit Patienten zu führen, erst mit Erwachsenen, dann auch mit Kindern. Die Studenten durften im Nebenraum über Lautsprecher zuhören. Das Kapitel Wahrnehmungspsychologie war abgeschlossen.

Seit nunmehr 50 Jahren durchziehen drei Grundfragen das wissenschaftliche und berufliche Schaffen von Reinhard Tausch:

Wie können Schüler besser lernen?
Wie kann seelisch Leidenden besser geholfen werden?
Wie kann man Menschen helfen, ihre Lebensprobleme selbst zu bewältigen?
Tausch wandte sich zunächst der Erziehungspsychologie zu und ging 1954 als Dozent an die Pädagogische Hochschule Weilburg. Er glaubte, dass eine Änderung des sozialen Klimas in der Schule Kinder später weniger anfällig für autoritäre Strukturen machen würde. Um dies zu begründen, untersuchte er das konkrete Verhalten der Lehrer und fand heraus: Sie stellten im Durchschnitt 60 Fragen pro Unterrichtsstunde und arbeiteten vorzugsweise mit Kritik und Abwertung der Schüler. Diesen Stil versuchte er zu ändern, durch wissenschaftliche Untersuchungen, Demonstrationsunterricht oder Lehrertrainings, in denen er in Rollenspielen eine förderliche Kommunikation mit den Schülern üben ließ. Er propagierte weniger Frontalunterricht, mehr Kleingruppenarbeit und das persönliche Engagement der Lehrer in einem „schülerzentrierten“ Unterricht. Sein mit seiner Frau als Forscherpaar gemeinsam verfasstes Buch Erziehungspsychologie wurde ab 1963 zu einer Bibel reformorientierter Pädagogik – und 190.000-mal verkauft.

In Anlehnung an Rogers bezeichnete das Ehepaar Tausch Achtung und Wärme, Einfühlung sowie nichtdirigierendes Fördern als die Trias sinnvollen erzieherischen Verhaltens. Wer so auf die Schüler eingehe, erziele bessere Leistungen. Noch heute streitet Reinhard Tausch für diese Einsicht. Nach eigenen neueren Untersuchungen ist es nach wie vor erschreckend, wie wenig förderlich Schüler, vor allem Gymnasiasten, ihre Lehrer erleben.

Ein besonderes Anliegen war für Tausch, dass Texte verständlich verfasst werden, auch und gerade in Schulbüchern. 1974 schrieb er das Buch Sich verständlich ausdrücken – gemeinsam mit seinen Schülern Inghard Langer und Friedemann Schulz von Thun, der später durch seine Bücher Miteinander reden zum Starautor wurde (siehe: „Eigentlich bin ich ein Kommunikationsmuffel“, Heft 1/2005).

Tauschs eigene wissenschaftliche Aufsätze und Bücher sind immer verständlich geschrieben. Er begründete geradezu einen eigenen Stil. Sätze wie „Untersuchungen weisen nach: …“ oder „Die Ergebnisse: …“ oder „Dabei stellte sich heraus: …“ markieren Tauschs Fingerzeig mit dem Doppelpunkt, bei ihm eine allgegenwärtige Stilfigur, die man bei seinen Schülern wiederfindet.

Über Stationen als Dozent an Hochschulen in Weilburg, Kettwig-Duisburg und Köln kam Reinhard Tausch 1965 als Professor an die Universität Hamburg. Dort füllte er bald die Hörsäle. In der Festschrift zu seinem 80. Geburtstag schrieb Professor Bernhard Dahme: „Es faszinierten seine Ideen und die eher bedächtige Eindringlichkeit, mit der er sie vorbrachte.“ „Da vertrat jemand eine menschliche Schule, einen Abschied von Besserwisserei und therapeutischer Direktivität“, so kennzeichnen die Psychologen Michael Behr und Susanne Vahrenkamp die Faszination, die von Tausch ausging. Er unterbrach – etwas völlig Neues damals – seine Vorlesungen, damit sich die Studenten in kleinen Gruppen austauschen oder das Gehörte einüben konnten. In den Sommerferien traf er sich mit Studenten in einem Zeltlager an der Ostsee.

Während der unruhigen Jahre der Studentenbewegung suchte Tausch den Dialog. Mit einem der Wortführer ging er essen, um dessen Motive und Ansichten zu verstehen. Später wurde der junge Mann sein Doktorand. An seine Zimmertür hängte Tausch ein Schild: „Wenn du mich duzen willst, dann tue es.“ Sie taten es. „Reinhard ist für mich der Inbegriff verwirklichter Menschlichkeit, die erfahrbar, sichtbar, lebbar geworden ist“, schreibt die frühere Studentin Marlies Lohmann in der Festschrift. Tausch teilte die Skepsis der Studenten gegenüber „den Kapitalisten“. Er wollte eine „Psychologie für die Menschen auf der Straße“.

Tausch ist ein Kommunikator par excellence, und mit seiner Haltung, von den anderen wissen zu wollen, was sie wissen möchten, scharte er eine große Gruppe von Schülern um sich. Er bildete keine Schule, aber er stiftete einen besonderen Geist und knüpfte ein enges Netz.

Wie kaum ein anderer Psychologe in Deutschland drückte Tausch einem Institut seinen Stempel auf. Wegen der Auseinandersetzungen mit zwei Professorenkollegen hatte der Universitätspräsident ein neues Institut eingerichtet, das Psychologische Institut III, an dem Tausch klinische Psychologie lehrte. Über 60 Doktoranden zog er dort heran. Mit vielen veröffentlichte er gemeinsam Forschungsberichte.

Was die Psychologie Sinnvolles zu bieten hat, wollte Reinhard Tausch nicht nur an die Studenten weitergeben. Er trug es auch in die breite Öffentlichkeit. Ende der 1970er Jahre ließ er vom Südwestfunk dreitägige therapeutische Gesprächsgruppen filmen, nebst einem Nachtreffen im Abstand von vier bis sechs Wochen. 15 Filme über Gespräche in Gruppen wurden vom Fernsehen ausgestrahlt. Damit wollte Tausch zeigen, wie sich, nach den Grundsätzen von Carl Rogers, Menschen in Gruppengesprächen gegenseitig helfen können. Die Sendungen wurden mehrfach ausgestrahlt, die Publikumsresonanz war enorm.

Angeregt zur Gruppenarbeit wurde er durch Carl Rogers selbst. Zu dessen Großgruppen fuhr er mit seiner Frau, später auch mit seinen Kindern und seinen Schülern, regelmäßig in die USA. Dort habe er gelernt, seine eigenen Gefühle besser auszudrücken und die Gefühle anderer Menschen anzusprechen. Mit Rogers verband ihn eine Freundschaft.

Der Wissenschaftler und Psychotherapeut Reinhard Tausch zeigte sich der Öffentlichkeit auch von einer sehr privaten Seite, als seine Frau Anne-Marie an Krebs erkrankte. Sie hatte gerade ein Forschungsprojekt zur Gesprächstherapie bei krebskranken Frauen begonnen, als bei ihr Brustkrebs in fortgeschrittenem Stadium festgestellt wurde. Anne-Marie Tausch sprach darüber in ihren Gruppen, aber auch in Rundfunk und Fernsehen. Und sie schrieb das Buch Gespräche gegen die Angst. In dem bewegenden Buch Sanftes Sterben stellte Tausch später dar, wie seine Frau dem Tod entgegenging und wie die Familie sie auf dem langen Weg des Abschieds begleitete. Ihr tägliches Ziel, schreibt Reinhard Tausch über Anne-Marie, war, „nicht zu sterben, wenn man noch lebt, sondern zu leben, während man stirbt“. Diese Haltung zeigte ihm, wie seelischer Halt in sich selbst und in den Beziehungen zu anderen Menschen über schwere Schicksalsschläge hinweghelfen kann. Tausch verlor bald nach seiner Frau auch noch eine seiner drei Töchter.

In der Zeit des Sterbens seiner Frau begann er noch bewusster zu leben. Er stellte seine Ernährung um und fing an, Hatha-Yoga zu praktizieren. Bis heute isst Tausch kein Fleisch, raucht nicht, trinkt keinen Tropfen Alkohol – dazu sei ihm sein Gehirn zu kostbar. Er schwimmt und spielt Tennis und macht jeden Tag Atem- oder Muskelentspannung. Früher joggte er auch mehrmals in der Woche, bis ihn die Folgen seiner Kriegsverletzung zwangen, damit aufzuhören. Man könnte seine Lebenseinstellung meditativ nennen: gelassen und zugleich voll wacher Aufmerksamkeit.

Während der Krankheit seiner Frau begann er die Lehren des Buddha zu studieren. In seinem Buch Hilfen bei Stress und Belastung findet man buddhistische Ideale wieder: Achtsamkeit, Gelassenheit, Loslassen, Annehmen und Dankbarkeit. Und wie im Buddhismus Körperübungen diesen Zielen dienen, so kann sich Tausch keine Psychotherapie mehr vorstellen, die ohne Entspannungsübungen auskommt.

Therapeutisch ist Tausch ein Pragmatiker. Er zieht alles heran, was hilft. Und dazu rechnet er das, was in empirischen Untersuchungen seine Nützlichkeit bewiesen hat. Er plädiert für eine „multimodale“ Psychotherapie, die Gesprächspsychotherapie, Verhaltenstherapie, mentales Training, Techniken zur Stressverminderung und Entspannungsübungen nutzt. Mit allen Patienten, die er heute selbst behandelt, praktiziert er Atem- und Muskelentspannung.

In der Gesprächspsychotherapie machte er die Wendung anderer Therapeuten hin zu einer störungs- und prozessorientierten Differenzierung nicht mit. In seiner Darstellung der Gesprächspsychotherapie kommt die Methode ohne eine Theorie der Entstehung psychischer Störungen aus. Vielleicht ist das so, weil er sich in seinen Schriften mehr Menschen mit Lebensproblemen zuwendet als Menschen mit schwerwiegenden seelischen Störungen. In der Ankündigung seiner psychologischen Gruppengespräche, die er mit anderen seit 1981 zweimal im Jahr anbietet, werden als Themen Stressbewältigung, Umgang mit Ängsten, Schwierigkeiten in der Partnerschaft, im Führungsverhalten oder in Beziehungen genannt. Und als Zielgruppe Menschen, die „im Beruf und im Privatleben an Spannungen, Überforderungen, Hetze, negativen Gedanken, Ängsten oder Ärger“ leiden. Das lässt eher an eine Art Lebenscoaching für Menschen denken, die Hilfe suchen, aber in der Lage sind, sich selbst zu helfen.

Beim Lesen von Tauschs Schriften bleibt manchmal ein Zweifel, ob Veränderung wirklich so einfach geht. Vor allem bei Menschen, die sich selbst nicht mehr helfen können. Doch Tausch strahlt eine Zuversicht aus, dass es so ist und dass er fast allen Patienten in acht bis zwanzig Stunden Kurztherapie helfen kann.

Vielleicht kann er als ein Mensch mit einer unerschütterlich wirkenden positiven Ausstrahlung vieles bewirken, das andere nicht bewirken können. Die Psychoanalyse nennt so etwas Übertragungsheilungen. Deren Stabilität hängt an der Stabilität der inneren Beziehung zum Therapeuten auch nach Abschluss der Therapie.

Eine solche Überlegung würde Tausch wahrscheinlich ablehnen. Die Psychoanalyse ist ihm ohnehin „zu kompliziert“. Angstträume hält er für „Produkte von Schaltfehlern unseres Gehirns … ohne tieferen Sinngehalt“, die man besser einfach loslässt, statt sich mit ihnen zu befassen. Schwierige Kindheitserfahrungen tauchen in seiner Theorie nicht auf. Die Psyche ist in seinen Augen vor allem bestimmt durch die Gedanken, die wir uns heute machen. Hier folgt er der kognitiven Theorie der Emotionen, die davon ausgeht, dass Gefühle ein Produkt gedanklicher Bewertungen sind. Die wichtigste Funktion der Gesprächstherapie sieht er dementsprechend darin, dem Klienten zu ermöglichen, seine eigenen Wahrnehmungen, Erfahrungen und Gedanken neu zu bewerten.

In den letzten Jahren hat sich Tausch der „positiven Psychologie“ zugewandt. Er möchte wissen, wie Menschen gut leben können, was ihnen Halt gibt, wie sie Sinn in ihrem Leben finden, wie sie ihre eigenen Ressourcen aktivieren können, was sie in ihrer Entwicklung fördert. Um das zu erfahren, befragt er die Menschen, etwa zum Thema Selbstdisziplin. So hat er oft geforscht: Einen Fragebogen entwickelt, ihn getestet, verbessert, an viele Menschen verteilt und die Ergebnisse ausgewertet. Beim Thema Selbstdisziplin bekam er heraus, dass Menschen eigene Disziplin vor allem beim Essen vermissen. Und dass Selbstdisziplin in erster Linie durch Eltern und Erziehung gelernt und durch Erfolge gefördert wird, die sich als Folge selbstdisziplinierten Verhaltens einstellen. Das passt zu Reinhard Tausch, der bei aller Lockerheit diszipliniert seine Tugenden lebt.

Tauschs Weg der Forschung war immer, die Erfahrungen der Menschen einzusammeln, um „empirisch begründete Antworten auf Fragestellungen zu gewinnen“. Will er wissen, was bei Stress hilft, befragt er dazu Hunderte von Menschen und destilliert aus ihren Antworten heraus, was hilft und was nicht. Will er wissen, was ihnen Halt gibt, lässt er sie Listen von Situationen erstellen und in großen Gruppen miteinander besprechen. Und so fragte er weiter, um zu erfahren, woraus Menschen Kraft schöpfen, was ihnen Religion bedeutet, welche Texte Angehörigen eines Sterbenden helfen oder welches Verhalten von Lehrern im Rückblick förderlich war.

Tausch holt sich die Antworten auf seine Fragen aus der Wirklichkeit. Ohne lange statistische Prozeduren verweist er auf Prozentzahlen und Signifikanzen. Als wollte er sagen: Schaut her, ist das nicht gut zu wissen. Das erfrischt, weil er die Erfahrung über Theorien und Methoden stellt und – im Unterschied zu weiten Teilen der akademischen Psychologie – die Wissenschaft vom menschlichen Erleben und Verhalten, die Psychologie, niemals von den Menschen entrückt. Zugleich hat dieses Vorgehen etwas von dem unbekümmerten Blick eines Kindes, das auf die Dinge so schaut, wie sie sich ihm darbieten, und nicht nach den Kräften fragt, die hinter oder unter der Oberfläche des Gesagten wirken. Und das noch unberührt ist von dem Zweifel, ob es so ist, wie die Menschen es einem sagen. Wenn Depressive äußern, dass ihre Kindheit in Ordnung war und die Schwierigkeiten erst in der Pubertät begannen, zieht Tausch daraus den Schluss, dass in der Kindheit nicht die Gründe für Depressionen zu suchen sind. Da er dem Weg der Empirie folgt, ist er eines auf keinen Fall: ein Ideologe, ein Anhänger einer Theorie, die auf alle Fälle richtig sein muss.

Er verkörpert, was er sagt. Er lebt geradezu das vor, was Rogers sich unter einem guten Therapeuten vorstellte: jemanden, der dem Hilfesuchenden als „wirklicher Mensch“ begegnet und dessen Basis für die Therapie das ist, „was ich bin und was ich fühle“. Bei Tausch hat man das Gefühl, dass er so ist, wie er sich im Moment zeigt. Liebevoll geht er auf einen zu und fasst auch den fremden Gesprächspartner beim Reden am Arm. Als wollte er sagen: Auch wenn wir uns noch wenig kennen, ich bin doch bei Ihnen. Echt, akzeptierend und einfühlsam.

Literatur:

  • A.-M. Tausch, R. Tausch: Sanftes Sterben. Was der Tod für das Leben bedeutet. Rowohlt Taschenbuch Verlag 2004 (8. Auflage)
  • R. Tausch: Hilfen bei Stress und Belastung. Rowohlt Taschenbuch Verlag 2006 (14. Auflage)
  • R. Tausch, A.-M. Tausch: Gesprächs-Psychotherapie. Hilfreiche Gruppen- und Einzelgespräche in Psychotherapie und alltäglichem Leben. Hogrefe Verlag 1990 (9. Auflage)
  • R. Tausch, A.-M. Tausch: Erziehungspsychologie. Begegnung von Person zu Person. Hogrefe Verlag 1998 (11. Auflage)
  • I. Langer (Hg.): Menschlichkeit und Wissenschaft. Festschrift zum 80. Geburtstag von Reinhard Tausch. GwG-Verlag, Köln 2001

© Psychologie Heute 2010

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Psychologie Heute 4/2007, Seite 64 ff. Heft 4/07 bestellen

Fotos: Mathias Ernert

Jeden Monat stellen wir Ihnen auf unseren Internetseiten eine der wichtigsten, innovativsten und prägendsten Persönlichkeiten aus Psychologie, Psychotherapie und Sozialwissenschaften vor. Die Artikel entstammen unserer Heftserie „Das Porträt“.

Lesen Sie in diesem Monat über Florian Holsboer

Mitte September folgt ein Porträt von:

Friedemann Schulz von Thun

Der Professor für Psychologie an der Universität Hamburg ist der Experte für Kommunikation. Sich selbst aber bezeichnet er als einen ausgemachten „Kommunikationsmuffel“, der früher durchaus Probleme mit der zwischenmenschlichen Verständigung hatte.
Inhalt Heft 1/05Zum Porträt

Mihaly Csikszentmihalyi

Im Flow sein – wer die Bücher des Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi kennt, weiß, wovon die Rede ist. Das Flowkonzept begeistert inzwischen weltweit eine große Leserschaft, verspricht es doch, das „Geheimnis des Glücks“ zu lüften.
Inhalt Heft 3/05Zum Porträt

Eva Jaeggi

Therapeutin, Sozialforscherin, Professorin, Autorin, Ausbildungsleiterin – Eva Jaeggi hat im Laufe ihres Lebens viele Berufe ausgeübt. Und das mit großem Erfolg. Dabei ließ sich die vielseitige Powerfrau von zwei bemerkenswert einfachen Motiven leiten: Sie ist neugierig und unterhält sich gern.
Inhalt Heft 6/05Zum Porträt

Dietrich Dörner

Seit vier Jahrzehnten arbeitet der Psychologieprofessor aus Bamberg unermüdlich daran, die menschliche Seele am Computer nachzubauen. Seine Arbeiten gelten den einen als wegweisend und im höchsten Maße originell, andere sehen sie als Anmaßung an.
Inhalt Heft 8/05Zum Porträt

Verena Kast

Ihre Bücher sind in jeder gutsortierten Buchhandlung zu finden. Anschaulich bringt sie ihren Lesern das menschliche Gefühlsleben und die Psychologie von C. G. Jung nahe. Wissen zu vermitteln und andere anzuregen ist die große Leidenschaft der Psychoanalytikerin – auch weil dies auf ihrem eigenen Lebensweg nicht immer selbstverständlich war.
Inhalt Heft 11/05Zum Porträt

Niels Birbaumer

Seine Arbeiten gehören wohl zu den spannendsten im Bereich der Psychologie. Auch sonst ist der vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler aus Tübingen kein Durchschnittstyp. Mit 23 wegen politischer Agitation von der Universität geflogen, wurde er Professor, bevor er dreißig war.
Inhalt Heft 2/06Zum Porträt

Wolfgang Prinz

Durch seine pointierten Äußerungen zum Thema „Willensfreiheit“ wurde Wolfgang Prinz einer großen Öffentlichkeit bekannt. Grundsätzliche Fragen zur menschlichen Psyche interessieren den Direktor am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften seit seinem 17. Lebensjahr.
Inhalt Heft 5/06Zum Porträt

Klaus Dörner

In den 1980er Jahren wurde der Psychiater als radikaler Reformer einer psychiatrischen Anstalt bekannt. Heute kämpft er gegen die Kommerzialisierung der Medizin und das Abschieben alter Menschen in Heime.
Inhalt Heft 10/06Zum Porträt

Philip Zimbardo

Das Gefängnisexperiment hat ihn berühmt gemacht. Seit 45 Jahren demonstriert der Wissenschaftler, der es vom armen Gettokind an die Spitze des akademischen Establishments schaffte, wie man Menschen für psychologische Forschung begeistert.
Inhalt Heft 12/06Zum Porträt

Paul Baltes †

Er kannte sich aus mit dem Alter, vor allem mit den Herausforderungen des hohen Alters. Ihm selbst aber war diese Erfahrung nicht beschieden: Im November 2006 starb der Entwicklungspsychologe Paul Baltes im Alter von nur 67 Jahren an Krebs.
Inhalt Heft 2/07Zum Porträt

Reinhard Tausch

Er ist der Mann, der uns lehrte einfühlsam zuzuhören. Der Psychologieprofessor Reinhard Tausch hat in den 1960er Jahren die Gesprächspsychotherapie aus den USA nach Deutschland gebracht und gegen Widerstände an der Universität Hamburg etabliert.
Inhalt Heft 4/07Zum Porträt

Christa Rohde-Dachser

In ihrer Karriere als Psychoanalytikerin und Professorin hat Christa Rohde-Dachser das typische Frauenbild immer wieder gründlich auf den Kopf gestellt. Die Frage nach der Rolle von Frauen, wie andere sie und wie sie selbst sich sehen, hat die Tochter einer Unternehmerfamilie seit ihrer Kindheit beschäftigt.
Inhalt Heft 6/07Zum Porträt

Daniel Hell

Der Psychiater Daniel Hell ist auch über Fachkreise hinaus durch seine Bücher zum Thema „Depression“ bekannt geworden. Als Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik, des berühmten „Burghölzli“, hat er beeindruckende Veränderungen durchgesetzt.
Inhalt Heft 8/07Zum Porträt

Hans Jellouschek

Er kennt sich aus mit der Liebe – aus eigener Erfahrung und aus seiner 30-jährigen Arbeit mit Menschen, deren Beziehungsschiff in schwierige Gewässer geraten ist. Hans Jellouschek gilt als Deutschlands bekanntester Paartherapeut. Dabei wäre fast ein Priester aus ihm geworden.
Inhalt Heft 10/07Zum Porträt

Helm Stierlin

Er gilt als Doyen der Systemischen Familientherapie in Deutschland. Mit seinem Heidelberger Modell setzte er sich an die Spitze einer innovativen therapeutischen Bewegung, die psychoanalytisches Denken mit Ideen der Familientherapie, der Kybernetik und Systemtheorie ergänzte.
Inhalt Heft 12/07Zum Porträt

Hilarion Petzold

Psychotherapie ist für ihn keine Technik, die Menschen nur hilft, sich besser anzupassen. Der Psychotherapeut Hilarion Petzold hat immer auch die gesellschaftlichen Verursachungen von Leid, Entfremdung, Krankheit, Verelendung im Blick. Sein Ziel ist, Professionalität mit Humanität zu verbinden.
Inhalt Heft 2/08Zum Porträt

Elsbeth Stern

Seit zwei Jahrzehnten erforscht Elsbeth Stern, was beim Lernen von Naturwissenschaften und Mathematik in den Köpfen der Schüler vor sich geht. Ihr Anliegen ist, zur Verbesserung des Unterrichts beizutragen – auch weil sie selbst auf dem Gymnasium den Spaß an den „harten“ Fächern verloren hatte.
Inhalt Heft 6/08Zum Porträt

Tilmann Moser

Er gilt als das Enfant terrible der Psychoanalyse. Schonungslos hat sich Tilmann Moser mit der eigenen Zunft auseinandergesetzt und sich damit nicht nur Freunde geschaffen. Im Jahr 2008 feierte der Analytiker seinen 70. Geburtstag. Ist er versöhnlicher geworden?
Inhalt Heft 8/08Zum Porträt

Otto Kernberg

Otto Kernberg ist einer der bekanntesten Spezialisten für das Borderlinesyndrom. Seit vier Jahrzehnten kümmert er sich um schwerkranke Patienten, denen ein Gefühl für die innere Einheit der eigenen Person fehlt. Sein eigener Lebensweg hat ihn darauf vorbereitet, diese Menschen zu verstehen.
Inhalt Heft 10/08Zum Porträt

Marianne Leuzinger-Bohleber

Als die Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber 2002 geschäftsführende Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt wurde, begegnete ihr ein Haus mit großer Geschichte, das aber für die modernen Zeiten wenig gerüstet war. Leuzinger-Bohleber ist der schwierige Spagat zwischen Tradition und Veränderung gelungen.
Inhalt Heft 12/08Zum Porträt

Irvin Yalom

Er hat vielbeachtete Ansätze zur Gruppentherapie und zur existenziellen Psychotherapie entwickelt. Und er ist der Autor populärer Romane und Kurzgeschichten, die eine breite Leserschaft in aller Welt erfreuen. – Diese sehr unterschiedlich erscheinenden Karrieren laufen auf einen Fixpunkt hinaus: Yaloms Liebe zur Literatur.
Inhalt Heft 2/09Zum Porträt

Daniel Kahneman

Daniel Kahneman ist unter Volkswirten mindestens so bekannt wie unter Psychologen. Im Jahre 2002 wurde er sogar mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet. Wie hat der Forscher, der sich selbst als Vollblutpsychologe versteht, den Brückenschlag zwischen den beiden Wissenschaften geschafft?
Inhalt Heft 4/09Zum Porträt

Ingrid Riedel

Farben, Träume, Märchen und Mythen sind ihre Welt. In zahlreichen Büchern, in Seminaren, Vorträgen und in ihrer therapeutischen Tätigkeit spielen diese Themen eine große Rolle. Die Psychotherapeutin und Autorin Ingrid Riedel ist eine Größe in der deutschsprachigen Therapieszene.
Inhalt Heft 7/09Zum Porträt

Mark Solms

Zentrale Hypothesen Sigmund Freuds sind heute wieder topaktuell. Maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung hat der Neuropsychoanalytiker Mark Solms. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, freudianische Konzepte mit modernen Erkenntnissen über die Funktionsweise des Gehirns in Einklang zu bringen.
Inhalt Heft 10/09Zum Porträt

Jürg Willi

Jürg Willi hat als einer der Ersten die Paartherapie im deutschsprachigen Raum eingeführt und sich intensiv mit den interpersonellen Wechselwirkungen psychischer Prozesse beschäftigt. Sein Buch „Die Zweierbeziehung“ ist ein Standardwerk, das die Arbeit von Experten, aber auch viele Partnerschaften wesentlich bereichert hat.
Inhalt Heft 12/09Zum Porträt

Florian Holsboer

Seit mehr als 25 Jahren untersucht Florian Holsboer, wie Depressionen entstehen und wie man sie wirksam behandelt. Der Direktor am Münchner Max-Planck-Institut gehört in der psychiatrischen Forschung zur Topliga weltweit. Der Weg dorthin war nicht unbedingt vorgezeichnet: Der Schauspielersohn machte zunächst Karriere in der Chemie. Sein ungewöhnlicher Hintergrund stellte sich als eine seiner wichtigsten Stärken heraus.
Inhalt Heft 3/10Zum Porträt

Elizabeth Loftus

Ihre Arbeit zum Thema „Erinnerungen“ hat ihr hohes Renommee, aber auch heftige Anfeindungen eingebracht. Insbesondere ihre These, Erinnerungen an sexuellen Missbrauch in der Kindheit müssten nicht immer akkurat sein, hat viele empört. Dabei bezweifelt die Psychologieprofessorin Elizabeth Loftus nicht, dass Kindern Schreckliches passieren kann. Sie selbst wurde als Kind missbraucht und verlor früh ihre Mutter.
Inhalt Heft 5/10Porträt im Archiv

Bildnachweis Porträts:

Foto von Klaus Dörner: agenda (Michael Kottmeier)
Loftus: Axel Koester
Holsboer, Jellouschek, Moser, Petzold, Riedel, Rohde-Dachser, Stierlin, Willi: Stefan Blume
Birbaumer, D. Dörner, Hell, Prinz, Stern, Tausch: Mathias Ernert
Czikszentmihalyi: Ricardo Herrgott
Baltes: Nina Höffken
Kahneman, Kernberg, Solms: Jürgen Frank
Jaeggi: Ingmar Kurth
Schulz von Thun: Anja Lubitz
Leuzinger-Bohleber: Pat Meise
Yalom: Joseph Siroker
Kast: Judith Stadler

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