www.psychologie-heute.de | Otto Kernberg im Porträt
DAS PORTRÄT
OTTO KERNBERG

Borderline – oder die Frage
nach der Identität

Ein Porträt von Annette Schäfer

Otto Kernberg ist einer der bekanntesten Spezialisten für das Borderlinesyndrom. Seit vier Jahrzehnten kümmert er sich um schwerkranke Patienten, denen ein Gefühl für die innere Einheit der eigenen Person fehlt. Sein eigener Lebensweg hat ihn darauf vorbereitet, diese Menschen zu verstehen.

Manhattan am Freitagnachmittag ist ein einziges Schieben und Drücken. Um die Grand Central Station, einen der beiden großen Bahnhöfe der Stadt, ist der Trubel besonders schlimm. New Yorker hetzen von einem Department-Store zum nächsten; Touristen drängen über die 42nd Street in Richtung Times Square. Regen und eine frische Brise machen den Aufenthalt draußen ungemütlich. Da tut die warme Luft, die einem beim Betreten des Gebäudes an der Ecke von Madison Avenue und 40th Street entgegenbläst, richtig gut. Die Lobby des 22-stöckigen Hochhauses wird gerade renoviert. Mit dem Aufzug geht es hinauf in die Penthousesuite. Die letzte Etage muss man über die Treppe erklimmen. Hier hat Otto Kernberg seine private Praxis.

In einem Gang stehen ein paar Stühle. Die Menschen, die hier auf den Beginn ihrer Therapiesitzung warten, kommen zwei- oder dreimal die Woche hierher, um Ordnung in ihr chaotisches Innenleben zu bringen. Meist dauert es Jahre, bis sich eine Besserung eingestellt hat und sie ihren Alltag ohne ständige impulsive Ausbrüche und zwischenmenschliche Dramen gestalten können.

Otto Kernberg ist einer der weltweit renommiertesten Experten für Borderlineerkrankungen. Seit mehr als 40 Jahren beschäftigt sich der Amerikaner österreichischer Abstammung mit dieser schweren Persönlichkeitsstörung. Ende der 1960er und in den 1970er Jahren hat er bahnbrechende Arbeiten publiziert, in denen er beschrieb, was genau eine Borderlinestörung ist und wie sie entsteht. Er hat auch eine spezielle psychoanalytisch orientierte Therapie entwickelt, Transference Focused Psychotherapy (TFP) genannt, die Patienten helfen soll, ihre Schwarz-Weiß-Sicht der Welt zu überwinden und eine stabile Identität zu entwickeln.

An diesem Freitagnachmittag ist Kernberg etwas spät dran. Eine Viertelstunde nach dem vereinbarten Termin kommt er die Treppe heraufgeeilt. „The traffic is terrible“, entschuldigt er sich bei der wartenden Journalistin. Der Achtzigjährige schließt sein Büro auf und hängt seinen Mantel in die Garderobe. Darunter trägt er einen dunklen Anzug. Überhaupt wirkt er ernst, seriös, zurückhaltend. Er steckt den Zeitrahmen für das Interview ab und erklärt, dass er zwischendurch einmal kurz rausgehen müsse, um mit einem Patienten zu sprechen. Man merkt, dass er es gewohnt ist, mit Menschen umzugehen, die leicht irritiert sind und klare Vorgaben brauchen.

Borderlinepatienten stellen für Therapeuten eine große Herausforderung dar. Sie sind oft aggressiv und jähzornig. Ihre Stimmungen, Gefühle, Meinungen schwanken ständig zwischen Extremen. Was gerade noch galt, kann eine Minute später schon ganz anders sein. Sie tendieren dazu, andere Menschen zu idealisieren und sie dann plötzlich abzulehnen. In einem Moment versichern sie dem Arzt oder Psychologen, dass er der einzige sei, der sie verstünde, im nächsten drohen sie, die Therapie abzubrechen.

Lange Zeit rätselten Wissenschaftler, was in diesen Menschen vor sich geht. Otto Kernberg war einer der Ersten, die eine umfassende Theorie zum Borderlinesyndrom entwickelten. Im Mittelpunkt steht das Konzept der sogenannten Identitätsdiffusion. Gesunde Menschen haben ein konsistentes Konzept von sich selbst, das relativ zeit- und situationsunabhängig ist: „Ich bin derselbe, der ich vor zwei und vor zwanzig Jahren war. Und ich bin derselbe, ob ich arbeite, mit Freunden zusammen bin oder schlafe.“

Den Borderlinepatienten fehlt dieses Grundverständnis der eigenen Identität. Sie haben mit dem Gefühl zu kämpfen, dass sie sich ständig in andere Personen verwandeln. Auf die Frage „Wer bin ich?“ finden sie keine eindeutige Antwort. Und ebenso erleben sie andere Menschen: Sie haben nicht das Gefühl, dass der Ehepartner, der Kollege oder Freund eine stabile Persönlichkeit hat. Folglich können sie zur Einschätzung anderer nur deren momentanes Verhalten heranziehen. Bei jedem kritischen Wort, jedem ernsten Blick fürchten sie, die Beziehung sei ernsthaft bedroht. Das zerstückelte Bild von sich selbst und anderen hat weitreichende Konsequenzen: Borderlinepatienten haben große Probleme, enge Beziehungen aufzubauen und Intimität zuzulassen; ihnen fällt es schwer, eine befriedigende berufliche Aufgabe und überhaupt einen Sinn im Leben zu finden. Ihre Lebensläufe weisen meist zahlreiche Jobwechsel, zerstörte Familienbeziehungen, berufliche und private Misserfolge jeglicher Art auf. Selbstmordversuche und andere selbstzerstörerische Handlungen sind häufig.

Wie kommt es zu dieser schwerwiegenden Störung? Kernberg geht davon aus, dass die Identitätsdiffusion das Resultat einer tiefen und frühen Spaltung aller internalisierten Beziehungen ist. Normalerweise lernen Kinder in den ersten Lebensjahren, dass die Eltern gute und gleichzeitig schlechte Seiten haben: „Mutter ist manchmal schlecht gelaunt, aber im Grunde hat sie mich lieb.“ Bei manchen Kindern allerdings gelingt die Synthese dieser widersprüchlichen Aspekte nicht. Der negative Teil der Beziehung ist so stark, dass er den positiven Teil vollkommen zu überlagern droht. So wird das Negative abgetrennt, um das Positive zu schützen. Der Preis dafür ist ein gespaltenes Bild der Bezugsperson, das auch zu einem gespaltenen Bild der eigenen Person führt. Der Kranke kann sich selbst und andere nur in Extremen sehen, gut oder schlecht, freundlich oder gemein, stark oder schwach. Bei der Entstehung dieser Störung scheinen neben genetischen, neurologischen und hormonellen Faktoren traumatische Kindheitserlebnisse eine große Rolle zu spielen. Viele Borderlinepatienten haben in ihren ersten Lebensjahren Schlimmes erlebt: schwere Krankheiten, emotionalen, physischen oder sexuellen Missbrauch, den Verlust der Eltern durch Scheidung oder Tod.

Was es für ein Kind heißt, wenn in seiner Umgebung Demütigung, Schmerz oder Gewalt Einzug halten, weiß Kernberg genau. Als Neunjähriger erlebte er die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Wien und musste das Land unter dramatischen Umständen verlassen. Als einziger Sohn in einem kleinbürgerlichen jüdischen Elternhaus aufgewachsen, hatte er die ersten Jahre seines Lebens als ausgesprochen glücklich erlebt. Der Vater, ein Beamter und begeisterter Monarchist, nahm ihn zu Erkundungstouren durch das geliebte Wien und ins Kino mit. Die Mutter, eine Hausfrau, die sich sehr für Psychologie interessierte, verwöhnte den Sohn täglich mit Süßspeisen und organisierte für ihn privaten Englischunterricht. Doch ab März 1938 war es mit der vertrauten Idylle mit einem Mal vorbei. Ausschluss und Terror gehörten plötzlich zum Alltag. „Juden und Hunden ist der Zutritt verboten“, stand an Kaffeehäusern, Kinos und Parks. Otto musste auf eine spezielle Schule für jüdische Schüler wechseln. Einmal sah er mit an, wie ein SA-Mann seine Mutter zwang, das Trottoir zu putzen. In der Reichspogromnacht entkam der Vater dem Abtransport ins KZ nur, weil er als Beamter frühzeitig gewarnt worden war und sich verstecken konnte. Im Juli 1939 flüchteten die Kernbergs in allerletzter Minute über Italien nach Chile. Die Kosten für Visa und Reise fraßen die gesamten Ersparnisse der Eltern auf; der Hausstand wurde bei der Verschiffung beschlagnahmt. Ohne einen Cent kam die Familie in Chile an, und der Vater hielt sie zunächst mit einem Job als Ladengehilfe über Wasser.

In einer persönlichen Analyse viele Jahre später hat Otto Kernberg diese Erfahrungen aufgearbeitet. Erst da sei ihm wirklich klargeworden, sagt er, wie traumatisch Diskriminierung und Vertreibung gewesen waren und welch starke Nachwirkungen sie in seiner Seele hinterlassen hatten. Die Flucht nach Chile hatte aber auch positive Seiten. Zwar sehnte er sich nach Wien und trauerte um die alte Heimat. Doch das neue Zuhause bot dem Zehnjährigen spannende Möglichkeiten. Er tauchte in die südamerikanische Kultur ein, lernte Spanisch wie eine Muttersprache. „Ich liebte das Land von Anfang an.“ Hier wurde auch sein Interesse für die Psychologie geweckt. Durch seinen Onkel Manfred Sakel, einen berühmten Wiener Arzt, der die Insulinbehandlung bei Schizophrenie entwickelt hatte, war er seit Kindheit mit der medizinischen und psychiatrischen Welt vertraut. Nun kamen weitere Einflüsse hinzu. In der deutsch-jüdischen Emigrantengemeinde von Valparaiso, die sehr eng zusammenlebte, traf er eine Psychologin, durch die er die Schriften von Alfred Adler kennenlernte. Ein deutscher Intellektueller, der eine Gruppe von Jugendlichen um sich scharte und für ihn zu einer zweiten Vaterfigur wurde, brachte ihm die Bücher von Jung und Freud nahe. Nach Abschluss der Schule schrieb sich Kernberg an der Universität von Santiago für Medizin ein. Zunächst liebäugelte er noch damit, Gastroenterologe oder Neurologe zu werden. Doch nachdem er Vorlesungen beim chilenischen Psychiater und Psychoanalytiker Ignacio Matte-Blanco gehört hatte, stand seine Entscheidung endgültig fest: Er spezialisierte sich auf Psychiatrie und fing gleichzeitig mit einer Ausbildung bei der Chilenischen Psychoanalytischen Gesellschaft an. Noch viele Jahre später erinnerte er sich an die anregenden Abende, an denen die Ausbildungskandidaten bis spät in die Nacht in einem Restaurant auf der Plaza Italia zusammensaßen und bei einem Glas Pisco Sour Freud diskutierten.

Schon kurz nach Abschluss des Studiums wurde Kernberg zum Assistenzprofessor an der katholischen Universität von Chile ernannt. Er unterrichtete pathologische Psychologie und versuchte sich in ersten wissenschaftlichen Studien. Das Feld der Therapieforschung interessierte ihn. Doch schnell stellte er fest, dass seine methodische Ausbildung für seine Tätigkeit als Forscher nicht ausreichend war. So bewarb er sich 1959 für ein Stipendium bei der Rockefeller-Stiftung, das ihn für ein Jahr an die Johns-Hopkins-Universität in Baltimore führte. Was er dort über Forschung im Allgemeinen und Psychotherapieforschung im Besonderen lernte, faszinierte ihn. Dennoch war ihm zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, dass er praktisch sein gesamtes weiteres Leben in den Staaten verbringen würde.

1960 ging er noch einmal nach Chile zurück, doch bereits ein Jahr später wanderte der 33-Jährige endgültig in die USA aus. Die Menninger Foundation in Topeka, Kansas hatte ihm eine Stelle angeboten. Die Offerte war mehr als attraktiv. Menninger war zu diesem Zeitpunkt nicht nur eine der größten und wichtigsten psychiatrischen Institutionen des Landes. Es gab dort auch ein umfangreiches Forschungsprojekt, das die Wirksamkeit unterschiedlicher Psychotherapiemethoden untersuchte. Für Kernberg stellte sich diese Studie als wahre Goldgrube heraus; sie ebnete den Weg zu seinem internationalen Ruhm als Borderlineexperte.

Als Kernberg 1961 nach Topeka kam, lief die Untersuchung bereits seit sieben Jahren. Sie umfasste 42 Patienten, von denen die Hälfte mit klassischer Psychoanalyse, die andere Hälfte mit verschiedenen Arten von Psychotherapie behandelt worden war. Zu jedem Fall lagen umfangreiche Protokolle der mehrjährigen Behandlung vor. „Das waren dicke fette Bücher“, erinnert sich Kernberg. Er begann jeden einzelnen Fall zu studieren, die Zusammenfassung jeder einzelnen Therapiestunde zu lesen. Es stellte sich heraus, dass eine große Zahl dieser Patienten an Borderlinezuständen litt, einer Störung, über die man zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel wusste. Kernberg begann die spezifischen Symptome, Persönlichkeitsstrukturen und Charakterkonstellationen dieser Kranken zu analysieren. Er untersuchte auch, was in den Therapiesitzungen im Einzelnen passiert war und unter welchen Bedingungen eine Besserung eingetreten war.

Nicht alle seine Menningerkollegen stimmten mit seinen Konzepten zur Diagnose und Therapie von Borderlinepatienten, die er auf Basis des empirischen Materials entwickelte, überein. Doch die Erfolge, die er in der Behandlung schwerster Fälle erzielte, gaben ihm recht. Und die Aufsätze, die er ab 1967 über seine Ideen veröffentlichte, stießen in der Fachwelt auf großes Interesse. Auch in Deutschland. Christa Rohde-Dachser beispielsweise, inzwischen emeritierte Professorin für Psychoanalyse und selbst eine ausgewiesene Borderlineexpertin (siehe Heft 6/2007), haben seine Arbeiten maßgeblich beeinflusst. Insbesondere Kernbergs Neigung, seinen geschulten psychiatrischen Blick mit einer psychoanalytischen Wahrnehmung zu verbinden, beeindruckte sie. „Ich kenne niemanden“, betont sie, „der in seiner Bedeutung für die Erforschung der Borderlinestörung in dieser spezifisch psychiatrisch-psychoanalytischen Verbindung an ihn heranreicht.“

Warum sind ausgerechnet ihm solch wegweisende Arbeiten über diese Krankheit gelungen? Es sei eine Mischung aus Zufall, Glück, harter Arbeit und Interesse gewesen, sagt er selbst und lächelt dabei etwas verlegen. Wenn er deutsch spricht, hat er einen charmanten Wiener Akzent. „Ich hatte eben an der Menninger Foundation die Gelegenheit, eine große Zahl dieser Patienten zu sehen. Bei vielen von ihnen versagte die übliche Behandlung. Ich empfand das als Herausforderung. Es hat mich immer interessiert, an die Grenzen des Verstehens und der Behandlungsmöglichkeiten zu kommen, und dies war eine solche Grenze.“ Doch sein Lebensweg hat ihn wohl auch besonders darauf vorbereitet, diese Menschen zu verstehen, vermutet er: „Vielleicht liegt es daran, dass ich in drei verschiedenen Kulturen zu Hause bin. Das hat mir den Weg zu unkonventionellen Einstellungen ermöglicht, sodass ich Patienten in ihrer eigenen Welt erforschen konnte, ohne ihnen meine eigene Welt aufdrücken zu müssen.“ Immer wieder hat er im Laufe des Lebens über seine Identität nachgedacht: Was heißt es, ein Österreicher, ein Chilene, ein Amerikaner zu sein? Und wer bin ich über meine kulturelle Prägung hinaus? Man kann sich leicht vorstellen, dass Menschen, die mit der eigenen Identität hadern, in ihm einen verständnisvollen und stützenden Partner finden.

Auch im Beruflichen hat Kernberg ganz unterschiedliche Einflüsse aufgenommen und miteinander verbunden. Seine Ausbildung in Chile entsprach der kleinianischen Tradition. In den USA lernte er dann die Ich-Psychologie näher kennen. Es gelang ihm, scheinbar inkompatible Theorien umzuformulieren und sie in ein neues, kohärentes Theoriegebäude zu integrieren. Sorgfältig vermied er es, sich in den „Kulturkampf“ zwischen den damals widerstreitenden psychoanalytischen Richtungen hineinziehen zu lassen. „Ich habe immer versucht, mich vor dogmatischen Einschränkungen zu schützen“, betont er. In den psychoanalytischen Lagern allerdings gab es zahlreiche Kollegen, die seine integrative Perspektive nicht akzeptierten: „Sie sahen mich nahezu als Feind oder Verräter.“

Das wurde besonders offenbar, als er 1973 die Menninger Foundation verließ und nach New York zog. 1969 war er zum Direktor des Menninger Memorial Hospital aufgestiegen; auch die Leitung des Psychotherapieprojektes hatte er längst übernommen. Nach mehr als zehn Jahren in Topeka sehnte er sich nach einer neuen Herausforderung. Als ihm die Columbia-Universität eine Professur für klinische Psychiatrie sowie die Leitung einer speziellen Station für Persönlichkeitsstörungen anbot, griff er gerne zu.

Nach seinem Umzug trat er auch dem New Yorker Psychoanalytischen Institut bei, einer damals autoritär geführten Organisation, in der man sich als Hüter der „wahren Psychoanalyse“ verstand. Dort schlug Kernberg permanentes Misstrauen, gar Feindseligkeit entgegen. „Es war, als würde ich als Bedrohung für die ichpsychologisch orientierte Psychoanalyse wahrgenommen, ein ‚verkappter Kleinianer‘, den man sorgfältig im Auge behalten müsse“, erinnert er sich. Nachdem er ein einjähriges Seminar über Borderlinestörungen gehalten hatte, zog man ihn „taktvoll“ von diesem Dozentenposten ab. Ein anderes Mal wurde eine telefonische Protestaktion organisiert, um ihn von einem Vortrag über das Werk von Edith Jacobson, die Freuds Triebtheorie überarbeitet hatte, abzuhalten. So entschloss er sich nach zwei Jahren, das Institut zu verlassen.

Noch heute fällt es ihm schwer, über diese schmerzlichen Erfahrungen zu sprechen, sagt er, doch seiner Karriere konnten die Anfeindungen wenig anhaben. 1976 holte ihn die Cornell-Universität als Psychiatrieprofessor und Klinikdirektor. 19 Jahre lang leitete er das New York Hospital in White Plains, rund 50 Kilometer nördlich von Manhattan. Auch seine Forschungen führte er fort und veröffentlichte zahlreiche Arbeiten zu Persönlichkeitsstörungen und der Objektbeziehungstheorie. 1995 dann, mit 67 Jahren, gründete er sein eigenes Institut, das in seiner ehemaligen Klinik angesiedelt ist.

Im Personality Disorders Institute hat Kernberg eine Gruppe von rund 15 Fachleuten versammelt, die in unterschiedlicher Intensität zusammenarbeiten. Sie übernehmen die Behandlung besonders schwieriger Patienten, bieten Trainings für Therapeuten an und führen gemeinsam wissenschaftliche Studien durch. Eine langjährige Untersuchung, die die Wirksamkeit der von Kernberg mitentwickelten Transference-Focused Psychotherapie (TFP) mit dialektischer Verhaltenstherapie sowie mit stützender Psychotherapie vergleicht, wurde gerade abgeschlossen.

Vor einiger Zeit hat das Institut zudem eine Dependence in Manhattan eröffnet, in der auch Kernbergs persönlicher Praxisraum untergebracht ist. Den hat noch seine Frau Paulina eingerichtet, erzählt er, eine Professorin für Kinderpsychiatrie, die im Jahr 2006 an Krebs verstorben ist. Neben Drucken des kolumbianischen Malers Fernando Botero hängen Zeichnungen von Paul Klee und Fotos von Sonnenuntergängen: „Die hat meine Frau selbst von der Terrasse unseres Hauses in Maine aufgenommen.“ Ihr Tod, sagt er, habe eine große Lücke hinterlassen.

Dass sich der 79-Jährige mal zur Ruhe setzt, kann sich in seiner Umgebung niemand so recht vorstellen. „Er ist unglaublich energievoll, und sein Reisepensum ist erstaunlich“, sagt Professor Frank Yeomans, ein Institutskollege und guter Freund. „Es gibt nur ganz wenige Psychoanalytiker auf der Welt, die so ernsthaft und engagiert wie er wissenschaftliche Forschung betreiben.“ In der Tat bleibt einem Kernbergs Leidenschaft für die Empirie nicht lange verborgen. Mit Begeisterung spricht er über sein neuestes Forschungsprojekt, in dem er psychodynamische mit neurowissenschaftlichen Untersuchungen zu verbinden sucht. Dazu motiviert ihn wohl weit mehr als Forscherneugier. Dahinter steht die Erfahrung, Menschen mit gravierenden, lebenseinschränkenden Störungen helfen zu können. „Mit psychoanalytischer Therapie ist man in der Lage, die Persönlichkeit von Borderlinepatienten zu ändern und so ihr Leben zu verbessern“, betont er. „Ich halte das für einen extrem wichtigen Beitrag der Psychoanalyse. Deshalb ist es notwendig, dazu empirische Forschung zu betreiben.“

Bücher von Otto Kernberg – eine Auswahl:

  • Schwere Persönlichkeitsstörungen. Theorie, Diagnose, Behandlungsstrategien. Klett-Cotta, Stuttgart 2006
  • Narzissmus, Aggression und Selbstzerstörung. Klett-Cotta, Stuttgart 2006
  • Boderlinestörungen und pathologischer Narzissmus. Suhrkamp TB, Frankfurt/M. 2000

© Psychologie Heute 2010

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Psychologie Heute 10/2008, Seite 62 bis 67. Heft 10/08 bestellen

Fotos: Jürgen Frank

Jeden Monat stellen wir Ihnen auf unseren Internetseiten eine der wichtigsten, innovativsten und prägendsten Persönlichkeiten aus Psychologie, Psychotherapie und Sozialwissenschaften vor. Die Artikel entstammen unserer Heftserie „Das Porträt“.

Lesen Sie in diesem Monat über Jürg Willi

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Inhalt Heft 6/05Zum Porträt

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In den 1980er Jahren wurde der Psychiater als radikaler Reformer einer psychiatrischen Anstalt bekannt. Heute kämpft er gegen die Kommerzialisierung der Medizin und das Abschieben alter Menschen in Heime.
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Seit zwei Jahrzehnten erforscht Elsbeth Stern, was beim Lernen von Naturwissenschaften und Mathematik in den Köpfen der Schüler vor sich geht. Ihr Anliegen ist, zur Verbesserung des Unterrichts beizutragen – auch weil sie selbst auf dem Gymnasium den Spaß an den „harten“ Fächern verloren hatte.
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Er gilt als das Enfant terrible der Psychoanalyse. Schonungslos hat sich Tilmann Moser mit der eigenen Zunft auseinandergesetzt und sich damit nicht nur Freunde geschaffen. Im Jahr 2008 feierte der Analytiker seinen 70. Geburtstag. Ist er versöhnlicher geworden?
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Daniel Kahneman ist unter Volkswirten mindestens so bekannt wie unter Psychologen. Im Jahre 2002 wurde er sogar mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet. Wie hat der Forscher, der sich selbst als Vollblutpsychologe versteht, den Brückenschlag zwischen den beiden Wissenschaften geschafft?
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Jürg Willi hat als einer der Ersten die Paartherapie im deutschsprachigen Raum eingeführt und sich intensiv mit den interpersonellen Wechselwirkungen psychischer Prozesse beschäftigt. Sein Buch „Die Zweierbeziehung“ ist ein Standardwerk, das die Arbeit von Experten, aber auch viele Partnerschaften wesentlich bereichert hat.
Inhalt Heft 12/09Zum Porträt

Bildnachweis Porträts:

Foto von Klaus Dörner: agenda (Michael Kottmeier)
Jellouschek, Moser, Petzold, Riedel, Rohde-Dachser, Stierlin, Willi: Stefan Blume
Birbaumer, D. Dörner, Hell, Prinz, Stern, Tausch: Mathias Ernert
Czikszentmihalyi: Ricardo Herrgott
Baltes: Nina Höffken
Kahneman, Kernberg, Solms: Jürgen Frank
Jaeggi: Ingmar Kurth
Schulz von Thun: Anja Lubitz
Leuzinger-Bohleber: Pat Meise
Yalom: Joseph Siroker
Kast: Judith Stadler

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