Ganz ruhig erzählt er die Episode. Es ist Oktober 1944. Mit seinen Eltern steht er am Budapester Bahnhof, um die im Krieg versinkende Stadt Richtung Venedig zu verlassen. Auf dem Bahnsteig kann man bereits Kanonendonner hören. Freunde und Verwandte sind gekommen, um Abschied zu nehmen. Der 10-Jährige hört der Unterhaltung der Erwachsenen zu: Warum sie ausgerechnet im Oktober nach Venedig führen? Das sei doch eine ganz schlechte Jahreszeit: feuchtes Klima, Moskitos, kein gutes Kulturprogramm. Der Zug, der Mihaly und seine Eltern nach Italien bringt, ist der letzte, der Budapest verlässt. Die kämpfenden Parteien zerstören alle Brücken; Stalins Truppen besetzen die Donaumetropole. „Drei Wochen nach unserer Abreise waren die meisten Menschen, die uns zum Bahnhof brachten, tot.“
Rund 180 Menschen lauschen gebannt dem Vortrag des heute 70-jährigen Psychologen, der von seiner kindlichen Verwirrung und Verzweiflung in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges erzählt. Wie die meisten Erwachsenen, die er sah, einfach ihren Alltagsdingen nachgingen, während überall Gebäude zusammenfielen, Züge in Flammen standen und Nachbarn auf Nimmerwiedersehen verschwanden. „Ich konnte einfach nicht verstehen, wie die hochgebildeten, an sich vernünftigen Menschen um mich herum, die ich respektierte und liebte, nicht verstanden, was geschah, wie blind sie waren und – trotz Hunger, Unsicherheit, Tod und Leid – einfach so taten, als wäre alles ganz normal. Da beschloss ich, herauszufinden, was es mit dem Leben wirklich auf sich hat und wie man besser leben kann.“
Mihaly Csikszentmihalyi sitzt auf einer kleinen Bühne im prächtig-barocken Kolomanisaal von Stift Melk. Sein rotwangiges Gesicht hebt sich kräftig gegen die weißen Haare und das schwarzes Outfit aus Jackett, T-Shirt und bequemer Hose ab. Er spricht mit langsamer, tiefer Stimme; sein Amerikanisch hat einen osteuropäischen Akzent. Konzentriert wirkt er und präsent. Auf seinem Stuhl leicht nach vorn gebeugt, geht sein Blick immer wieder ins Publikum. Nur ab und zu schaut er auf das neben ihm liegende Blatt Papier.
Extra für dieses Wochenende ist der Psychologieprofessor und „Erfinder“ des Flowkonzepts aus dem kalifornischen Claremont in die österreichische Wachau gereist. Waldzell Meeting nennt sich die ungewöhnliche Konferenz, bei der elf Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und Religion über den Sinn im Leben sprechen.
Als führenden Glücksforscher und amerikanischen Superstar hat Veranstalter Andreas Salcher den Gast aus Kalifornien angekündigt. In der Tat wird Mihaly Csikszentmihalyi von vielen Menschen regelrecht verehrt. Sein Bestseller „Flow. Das Geheimnis des Glücks“ wurde in 19 Sprachen übersetzt. Die Popularität des Psychologen ist auch beim Waldzell Meeting unübersehbar. Von den Teilnehmern und Journalisten sind viele nur angereist, um ihn sprechen zu hören.
Für sein Referat hat Mihaly Csikszentmihalyi neben dem Kriegserlebnis noch ein zweites Ereignis aus seinem Leben ausgewählt, das er dem Publikum erzählt. Bei einem Urlaub in der Schweiz besucht er als 15-Jähriger einen Vortrag an der Universität von Zürich. Es geht um Archetypen, indische Mandalas und die Notwendigkeit, ein neues Verständnis vom Leben und der Welt zu entwickeln. Der eloquente Dozent, ein gewisser Carl Jung, beeindruckt Mihaly sehr. Er beginnt Jungs Bücher zu lesen – und nimmt sich schließlich vor, ernsthaft Psychologie zu studieren.
Wie der Lebensweg verläuft, gibt Csikszentmihalyi den Zuhörern mit auf den Weg, hänge von vielen Faktoren ab: Die Gene seien wichtig, die Kultur, in der man lebt, und die Erlebnisse, die man so hat. Entscheidend aber sei, was man daraus mache, wie man sein Potenzial, seine Erfahrungen und Möglichkeiten nutze. „Eine der größten Herausforderungen dabei ist, herauszufinden, was einem wirklich Freude macht und einen zutiefst erfüllt. Das hat auch einen höheren Sinn, denn es bringt die Gesellschaft und die Menschheit als Ganzes weiter.“
Herausfinden, was wirklich Freude macht – wie sehr dieses Ziel das gesamte Leben von Mihaly Csikszentmihalyi bestimmt, wird in einem persönlichen Gespräch abseits vom Tagungsrummel klar. Zwei Stunden nimmt er sich dafür Zeit. Und mit jeder seiner Antworten wird offenbar, wie aus einem verunsicherten Kind ein weltweit anerkannter Psychologe wurde, dessen Forschung nicht nur zahlreichen Menschen zu einem besseren Leben verhilft, sondern ihm selbst auch tiefe Befriedigung bringt.
1934 wird Mihaly als Sohn eines ungarischen Diplomatenpaares in Italien geboren. Früh erfährt er, was es heißt, fremd zu sein. Wegen seiner roten Haare und des unaussprechlichen Namens wird er von den Schulkameraden gehänselt, Freunde hat er kaum. Weder in der italienischen noch ungarischen Kultur fühlt er sich richtig zu Hause. Die viel beschäftigten Eltern pflegen einen bourgeoisen Lebensstil, mehrmals die Woche finden Dinnerpartys statt, für den Nachwuchs sorgt eine Kinderfrau. Nach den unruhigen Kriegsjahren, die die Familie teils in Ungarn und teils in der Wahlheimat Italien verbringt, geht es den Csikszentmihalyis wirtschaftlich schlecht. Weil der Vater seinen Posten als ungarischer Konsul in Italien verliert, eröffnen die Eltern ein Restaurant in Rom. Mihaly muss die Schule, in die er ohnehin nur ungern geht, ohne Abschluss verlassen und hilft mit diversen Jobs, das Familienbudget zu füllen.
Seinen Traum, die menschliche Psyche zu erkunden, um das Leben besser zu verstehen, hat er nicht vergessen. So macht er sich 1956 in die Vereinigten Staaten auf, denn hier kann man – anders als in Europa – Psychologie an der Universität studieren. Er landet in Chicago und schreibt sich an der University of Illinois ein. Von elf Uhr abends bis morgens um sieben arbeitet er in einem Großhotel, wo er Rechnungen für abreisende Gäste erstellt. Tagsüber sitzt er in Vorlesungen und Seminaren. Die fremde und bunte Studentenschaft fasziniert ihn sehr. Von seinen Kursen allerdings ist er äußerst enttäuscht. Als mechanistische, langweilige und kleingeistige Sicht auf die menschliche Psyche empfindet er die Psychologie, die man hier lehrt. Kurzerhand sattelt er auf Design um. Zwei Jahre lang befasst er sich mit der Ästhetik von Gegenständen und lernt, wie man formschöne, funktionstüchtige Objekte konstruiert.
Doch auch das bringt ihn nicht näher zu den Antworten, die er sucht. Seine Lehrer, denen der begabte Student längst aufgefallen war, überreden ihn, es doch noch einmal mit der Psychologie zu versuchen, und empfehlen ihm, in die renommierte University of Chicago zu wechseln. Hier wird eine streng naturwissenschaftliche, kognitive Psychologie gelehrt. Mihaly trifft auf Wissenschaftler, die ihre gesamte Zeit und Energie in die gründliche Erforschung eines bestimmten Problems stecken – etwa wie der Sehnerv bei der Katze funktioniert oder woran eine Ratte ihren Nachwuchs erkennt. Das sind nicht gerade die umfassenden, tiefgründigen Fragen, die Mihaly interessieren. Doch er lernt auch Professoren kennen, die sich mit Philosophie und humanistischen Themen befassen. „Es war noch nicht genau das, was ich suchte, doch es war schon viel besser als zuvor.“ Vor allem aber findet er hier zu dem Thema, für das sein Name heute steht.
Nach seinem Examen beginnt er 1962 mit einer Promotionsarbeit. Er untersucht, wie Künstler Ideen für ihre Werke entwickeln. Dabei beobachtet er ein merkwürdiges Phänomen: Die Maler an ihren Staffeleien verhalten sich fast wie in Trance. Sie sind von ihrer Arbeit so gefesselt, dass sie Hunger, Durst und Müdigkeit vergessen. Dabei scheint es die Tätigkeit an sich zu sein, die sie treibt, nicht etwa der Wunsch nach Anerkennung, Ruhm oder Geld. Sich ohne handfeste Belohnung einer Tätigkeit begeistert widmen – keine der gängigen Motivationstheorien, die Mihaly kennt, kann dieses Verhalten zufriedenstellend erklären. Auch er selbst hat den Zustand vollkommenen Eintauchens oft erlebt: beim Bergklettern, Musizieren oder während einer guten Schachpartie. „Sogar in den Kriegsjahren, als mich tiefe Ängste quälten und ich dachte, die Welt würde zu Ende gehen, konnte ich mich stundenlang völlig in ein Schachspiel vertiefen.“ Dem jungen Wissenschaftler wird klar, dass es hier einen erforschenswerten Bereich menschlichen Verhaltens gibt, der ihn vielleicht bei seiner Suche nach einem guten Leben weiterbringt.
Die Idee lässt ihn nicht mehr los. Als er 1970 eine Position als Jungprofessor an seiner Universität bekommt, wird auch ein ernsthaftes Forschungsprojekt daraus. Mit Geschick gelingt es ihm, einen Geldgeber für sein Vorhaben zu finden. Er stellt eine Gruppe begabter Studenten zusammen und legt mit der Arbeit los. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern interviewt er Tänzer, Bergsteiger, Basketball- und Schachspieler, um herauszufinden, was diese Aktivitäten so attraktiv und belohnend macht. „Autotelisch“ nennt er Beschäftigungen, die Menschen um der Sache selbst willen betreiben und die vollkommenes Vertiefen erlauben. Später wird daraus der eingängige Begriff Flow. 1972 publiziert Csikszentmihalyi diese Forschung unter dem Titel „Beyond boredom and anxiety“ (dt.: Jenseits von Angst und Langeweile). Das Buch ist nicht gerade ein Hit. Die Verkaufszahlen sind gering, ebenso wie die Resonanz in der wissenschaftlichen Welt. Ein Anthropologe und ein paar Sportpsychologen interessieren sich dafür, aber niemand aus dem psychologisch-akademischen Establishment.
Ohne sich lang über die Ignoranz seiner Umwelt zu grämen, stürzt sich Csikszentmihalyi in das nächste Projekt: Er will die Methode seiner Flowforschung verbessern. Denn die Qualität der Daten, die sich mithilfe von Interviews und Fragebögen erheben lassen, befriedigt ihn nicht. Die Angaben, die Versuchspersonen in der Rückschau über ihre absorbierenden Aktivitäten machen, sind ihm zu stereotyp und ungenau. Er kommt auf die Idee, so genannte Pager für seine Untersuchungen zu nutzen. Studienteilnehmer werden mit elektronischen Funkempfängern ausgestattet, über die sie in unregelmäßigen Abständen Signale erhalten. Sobald sie einen Ton hören, müssen sie in einem Büchlein festhalten, was sie gerade tun und wie sie sich dabei fühlen. Die Technik, „Experience Sampling Method“ (ESM) genannt, stellt sich als genial heraus. Die Informationen, die sich damit erheben lassen, sind detailliert, ergiebig und genau. Mihaly ist so fasziniert, dass er beginnt, jeden Aspekt des täglichen Lebens damit zu erforschen. Die nächsten 20 Jahre verwendet er den größten Teil seiner Zeit und Energie darauf, die neue Methode anzuwenden und zu verbessern. „Was das Thema Flow angeht, bin ich in dieser Zeit etwas vom Weg abgekommen“, räumt er ein, „doch die ausführliche Beschäftigung mit der Pagermethode hat sich allemal gelohnt. Die Technik ist sehr hilfreich, um das Leben von Menschen wirklich zu verstehen.“
Mihaly Csikszentmihalyi ist schon fast 60, als ihn der große öffentliche Erfolg ereilt. Nach einem Artikel, der im Magazin Newsweek über seine Arbeit erscheint, meldet sich 1988 ein Buchagent und fragt, ob er nicht ein populärwissenschaftliches Buch über Flow schreiben wolle. Zunächst winkt der Forscher ab. Er sieht seine Aufgabe im wissenschaftlichen Diskurs mit Fachkollegen. Doch dann, nach intensiver Überzeugungsarbeit des Agenten, willigt er ein. Als das Buch 1990 in die Läden kommt, findet es zunächst nur schleppend Absatz. Doch von Jahr zu Jahr gewinnt es immer mehr Fans. Dazu tragen auch Prominente bei. 1993 hält der Trainer der Dallas Cowboys das Buch in eine Fernsehkamera und erklärt, wie nützlich es für seine Arbeit sei. Wenig später gewinnt sein Team den Superbowl, das wichtigste Footballturnier der USA. Als 1997 in der amerikanischen und englischen Presse nachzulesen ist, dass „Flow“ zu den Lieblingsbüchern des damaligen Präsidenten Bill Clinton zählt und auch in Tony Blairs Sozialreformen eingeflossen ist, hat es sich längst als Bestseller etabliert.
Heute genießt es Csikszentmihalyi, wissenschaftliche Zusammenhänge allgemein verständlich darzustellen – und hält das sogar für schwieriger, als für ein Fachpublikum zu schreiben. Was seine enorme Popularität in der Öffentlichkeit angeht, scheint der Professor allerdings eher gespalten zu sein. Es sei ein Glück, meint er, dass seine Arbeit kein schneller Erfolg gewesen sei. Er kenne zahlreiche erfolgreiche Menschen, die am Druck, immer wieder neue, spektakuläre Ideen zu produzieren, und den damit verbundenen Zweifeln und Frustrationen regelrecht zerbrochen seien.
Davor war er geschützt. Doch seine Lebensqualität hat unter dem Ruhm gelitten. Weil sie sich in seinen Büchern so gut wiederfinden, glauben manche seiner Fans, dass er ihnen auch persönlich helfen könne. Suizidgefährdete, Vergewaltigungsopfer, Eltern, deren Kinder Drogen nehmen – das Spektrum Hilfesuchender, die ihn zu allen Tages- und Nachtzeiten anrufen, ist breit. Oft keine leichte Situation: „Meinen Rat, einen Psychologen oder Psychiater aufzusuchen, wollen die Anrufer meist nicht hören. Sie bestehen darauf, dass ich ihnen sage, wie sie ihre Probleme lösen können.“ Auch aus diesem Grund verbringt er mit seiner Frau Isabella viel Zeit in der Einsamkeit und Anonymität Montanas, wo das Paar ein Haus in den Bergen besitzt.
Für die Rolle als Star ist Csikszentmihalyi offensichtlich nur bedingt gemacht. In erster Linie ist er leidenschaftlicher Wissenschaftler. Zahlen, Daten und Statistik lassen sein Herz höher schlagen: „Ich kann stundenlang am Computer sitzen und Print-outs analysieren. Ich suche nach Mustern, versuche herauszufinden, was sich hinter den Zahlenkolonnen verbirgt. Ich fühle mich dann wie eine Art Kolumbus, der ein neues Land erforscht.“ Als er über die Freuden quantitativer Analyse spricht, sieht sein ansonsten ernstes, fast melancholisches Gesicht für Momente schelmisch und jungenhaft aus.
Flow ist für Csikszentmihalyi mehr als ein abstrakter Forschungsgegenstand, den er bei anderen Menschen untersucht. Er selbst hat sich bei seiner Arbeit immer davon leiten lassen, was ihm selbst Erfüllung bringt. Das zeigt sich nicht nur bei seinen Studien zur Experience Sampling Method, mit der er Hunderttausende von Einzelinformationen gesammelt und ausgewertet und so seine Lust an Zahlen und Daten gestillt hat. Weil er sich schon seit der Kindheit für Kunst und kreatives Schaffen interessiert, stellte er auch umfassende Untersuchungen über die menschliche Kreativität an. In seiner bekanntesten Arbeit zu diesem Thema führte er mit rund 90 herausragende Künstlern und Wissenschaftlern (darunter 14 Nobelpreisträger) ausführliche Interviews. Fünf Jahre lang hat er dazu gebraucht. „Mihaly macht es unendlich viel Spaß, seine Studien zu konzipieren und durchzuführen“, bestätigt Howard Gardner, Professor an der Harvard-Universität, der mit Csikszentmihalyi seit vielen Jahren zusammenarbeitet. „Sein Leben ist eine untrennbare Mischung aus Arbeit und Spiel – eben jenes Phänomen, das er in seinen Büchern so überzeugend beschreibt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich jemals zur Ruhe setzt und einfach Pfeife raucht.“
Begeisterungsfähigkeit und Neugier, aber auch sein breites Wissen über Wissenschaft, Geschichte und Philosophie, die Lust, mit neuen, ungewöhnlichen Ideen zu spielen, und sein Mut, die großen, wichtigen Fragen zu stellen, bezeichnen jene, die ihn gut kennen, als seine größten Stärken. „Mihaly ist ein außergewöhnlich origineller Denker, sowohl in Bezug auf theoretische und methodische Fragen als auch was Ereignisse des täglichen Lebens angeht“, ergänzt Gardner. „Er sieht Trends und Zusammenhänge, die andere nicht sehen.“
Mit diesen Eigenschaften ist er nicht nur auf Wohlwollen und Anerkennung gestoßen. In der wissenschaftlichen Gemeinde sei er viele Jahre als Außenseiter angesehen worden, meint Howard Gardner: „Seine Interessen sind einfach zu weit gestreut, seine Methoden zu ungewöhnlich, als dass er bequem in eines der etablierten psychologischen Lager passen würde.“
Ausgerechnet an seiner Heimatuniversität, der University of Chicago, brachte ihm sein Querdenkertum eine herbe Niederlage ein. Als Vorsitzender des Psychologischen Instituts, der er von 1985 bis 1988 war, versuchte er, die einseitig naturwissenschaftliche, kognitive Sicht zugunsten einer umfassenderen, auch evolutionäre und wertorientierte Fragen berücksichtigenden Psychologie zu erweitern. Doch damit biss er bei seinen Kollegen auf Granit. „Die anderen haben das einfach nicht gewollt“, erinnert sich Csikszentmihalyi, „da habe ich irgendwann aufgegeben.“
In der Folge fühlte er sich mit seinen Arbeiten und Ideen in Chicago mehr und mehr isoliert. Vor sechs Jahren schließlich beschloss er, einen neuen Anfang zu wagen, und zog nach Kalifornien um, wo er seitdem an der Peter Drucker School of Management das Quality of Life Research Center leitet. Sein Ziel ist, eine Brücke zwischen Forschung und „wahrem Leben“ zu schlagen. Zusammen mit seinen Mitarbeitern erforscht er beispielsweise, unter welchen Bedingungen Arbeit effektiv und gleichzeitig erfüllend sein kann.
Etwa zur gleichen Zeit hat er sich auch an die Spitze einer neuen psychologischen Bewegung gesetzt. Zusammen mit Martin Seligman, Psychologieprofessor aus Pennsylvania und ebenfalls Bestsellerautor, bemüht er sich, die „Positive Psychologie“ zu etablieren, einen mittlerweile boomenden Forschungsbereich, der sich mit allem befasst, was Menschen zufrieden, stark und glücklich macht. „Er ist der Kopf, ich bin die Stimme“, beschreibt Seligman die Arbeitsteilung zwischen den beiden. Die Kooperation liegt Csikszentmihalyi sichtlich am Herzen: „Die ‚Positive Psychologie‘ kommt meiner Vorstellung näher als irgendetwas sonst, was ich im Bereich der Psychologie kenne.“
Wie weit also ist er mit seiner Suche nach einem besseren Leben gekommen? Mihaly Csikszentmihalyi überlegt lange, bevor er eine Antwort gibt: „Manchmal habe ich das Gefühl, ich hätte gar nichts erreicht. Dann wieder denke ich, was ich im Laufe meines Lebens gemacht habe, ist gar nicht so schlecht.“ Flow, ESM, Kreativität, Positive Psychologie – auf den ersten Blick sehe das vielleicht wie ein Zickzackkurs aus. Doch letztlich sei es bei seinen Projekten immer darum gegangen, herauszufinden, was das Leben lebenswert macht. Und er selbst habe eine Menge Spaß dabei gehabt. Ob denn der 10-jährige Junge von einst, der sich vornahm, das Leben besser zu verstehen, mit seinem bisherigen Lebenswerk zufrieden wäre? „Wenn er nur das reine Ergebnis sähe, wahrscheinlich nicht“, sagt Csikszentmihalyi und schmunzelt, „aber wenn er erführe, wie sich das alles ergeben und zugetragen hat, welche Erfahrungen, Erkenntnisse und Hindernisse damit verbunden waren, dann, ja dann wäre er wohl zufrieden.“
Mihaly Csikszentmihalyi hat unter anderem folgende Bücher veröffentlicht:
© Psychologie Heute 2010
Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Psychologie Heute 3/2005, Seite 42 bis 48. Heft 3/05 bestellen
Fotos: Ricardo Herrgott
Jeden Monat stellen wir Ihnen auf unseren Internetseiten eine der wichtigsten, innovativsten und prägendsten Persönlichkeiten aus Psychologie, Psychotherapie und Sozialwissenschaften vor. Die Artikel entstammen unserer Heftserie „Das Porträt“.
Zur Liste aller hier einsehbaren Porträts:
www.psychologie-heute.de/das_portrait.html
Lesen Sie in diesem Monat über Florian Holsboer
Mitte September folgt ein Porträt von:
Bildnachweis Porträts:
Foto von Klaus Dörner: agenda (Michael Kottmeier)
Loftus: Axel Koester
Holsboer, Jellouschek, Moser, Petzold, Riedel, Rohde-Dachser, Stierlin, Willi: Stefan Blume
Birbaumer, D. Dörner, Hell, Prinz, Stern, Tausch: Mathias Ernert
Czikszentmihalyi: Ricardo Herrgott
Baltes: Nina Höffken
Kahneman, Kernberg, Solms: Jürgen Frank
Jaeggi: Ingmar Kurth
Schulz von Thun: Anja Lubitz
Leuzinger-Bohleber: Pat Meise
Yalom: Joseph Siroker
Kast: Judith Stadler

Im Jahr 2004 konnten wir auf 30 Jahre Psychologie Heute zurückblicken. Aus diesem Anlass haben wir exklusiv für unsere Leser das Jubiläumsbuch „Faszination Psychologie“ aufgelegt. Es versammelt 100 Beiträge bedeutender Autoren aus drei Jahrzehnten … mehr