Der Weg führt in die Sackgasse 1. Der Taxifahrer am Bahnhof Konstanz weiß Bescheid. „Möchten Sie zu Frau Riedel?“, fragt er teilnahmsvoll. Wie viele Menschen wohl schon dieses Sträßchen aufgesucht haben, in der Hoffnung, die Sackgasse nach einer befreienden Therapiestunde bei Ingrid Riedel geklärten Sinnes wieder zu verlassen?
Wenige Treppen, und man ist unter dem Dach des hellen Mehrfamilienhauses angelangt. Viel Holz und bequeme, schlichte Möbel signalisieren: Hier darf der Besucher sich wohlfühlen, entspannen und konzentrieren.
Der Lebensmittelpunkt Konstanz mit seiner Nähe zur Schweiz hat sich seit Jahrzehnten für Ingrid Riedel bewährt. „Ich bin schon hier in dieser Wohnung, seit ich mich als analytische Psychologin niedergelassen habe“, sagt Ingrid Riedel, die als Dozentin mit dem C.-G.-Jung-Institut in Küsnacht bei Zürich seit vielen Jahren eng verbunden ist.
Eigentlich stammt sie aber aus Franken. Geboren wurde Ingrid Riedel 1935 in der Nähe von Würzburg, in Schweinfurt am Main, in eine Familie, die von naturwissenschaftlichem Denken geprägt war. Der Vater, Bauingenieur und Architekt, war ein Mann von Esprit, geistreich, ironisch und witzig. „Seine Gefühle konnte er weniger gut zeigen, wie das bei Männern ja häufiger der Fall ist, aber unter seiner Ironie verbarg sich eine zarte und liebevolle Seite.“ Die Mutter, unkompliziert und humorvoll, ließ Freiheiten. „Sie traute einem etwas zu, und das stärkte uns Kinder ungemein.“
Die Ärzte hatten die Mutter, die an einem Nierenleiden litt, immer wieder davor gewarnt, weitere Kinder zu bekommen. Deshalb kamen die einzelnen Geschwister in großen Abständen zur Welt. Die Erstgeborenen, Ingrid Riedels ältere Schwestern, waren Zwillinge, acht Jahre später wurde sie geboren, zweieinhalb Jahre danach ein Bruder. Und schließlich kam noch der jüngste Bruder, nach einem glücklichen Heimaturlaub des Vaters, der während des Krieges als Bauleiter zur Wiederherstellung der zerstörten Bahnanlagen in Russland abkommandiert war. „Ich stehe in der Geschwisterfolge in der Mitte zwischen zwei älteren Schwestern und zwei jüngeren Brüdern, was meine Beziehung zu den Geschlechtern sicher geprägt hat“, meint Ingrid Riedel.
Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war die kleine Ingrid vier Jahre alt, zehn war sie, als er endete. Schweinfurt war eine der meistbombardierten Städte Deutschlands. Die dort ansässige Industrie für Kugellager war von höchster Kriegswichtigkeit und daher auch ein entsprechendes Angriffsziel. Riedels ältere Schwestern wurden mit ihrer Schulklasse landverschickt, sie selbst und der Bruder saßen mit der schwangeren Mutter und dann später mit dem Neugeborenen unter dem Bombenhagel. „Dass wir vor Angst nicht durchdrehten, verdanken wir meiner starken, nicht im Geringsten zur Hysterie neigenden Mutter, die uns trotz allen Schreckens das Gefühl vermittelte, geschützt zu sein. Und ich weiß noch, dass ich im Luftschutzkeller Märchen las, mit Vorliebe die grausamen.“
Märchen waren für die kleine Ingrid eine ungeheure Hilfe. „Es gab ja später eine Phase der Märchenkritik, in der es hieß, Märchen seien grausam und deshalb den Kindern nicht zumutbar. Für mich galt das pure Gegenteil. Die Welt war grausam, aber die Märchen zeigten mir, dass man überleben kann und wie man das anstellen muss. Sie leiten ihre Helden und Heldinnen durch lebensbedrohliche Schwierigkeiten zu einem guten Ende.“
Die Märchen mit ihrem alten kollektiven Wissen darüber, wie man das Leben besteht, begleiten Ingrid Riedel seit ihrer Kindheit. In ihren Büchern über Hans mein Igel, Frau Holle und Die weise Frau in Märchen und Mythen hat sie die Weisheit der Märchen für heutige Leserinnen und Leser unter psychologischen Aspekten gedeutet. In diesen Märchen geht es oft um abgelehnte Kinder, die nicht um ihrer selbst willen geliebt werden und ihren Weg ins Leben darum schwerer finden als andere. Aber wie es dennoch gelingen kann, zeigen diese Märchen.
„Ich selbst war im Unterschied zu diesen Märchenheldinnen ein geliebtes Kind “, so meint sie. Doch gab es auch in ihrem Leben Situationen, wo alle empfangene Liebe und alles Vertrauen – und auch die Weisheit der Märchen – hart auf die Probe gestellt wurden. Im Verlauf des Krieges kam die damals achtjährige Ingrid in ein Kinderheim im Schwarzwald, der Bruder ins Allgäu, weil die Mutter die Kinder dort sicherer glaubte. „Dort, im Kinderheim, ohne meine Mutter und meinen Bruder erlebte ich die große Not des Verlassenseins. Ich begriff, so alt war ich schon, dass wir uns alle für immer verlieren konnten. Diese Zeit war, wenn ich es so bedenke, die schwerste Zeit in meinem Leben.“ Doch sie konnte sie überstehen, weil sie in den Jahren davor die Geborgenheit erfahren hatte, die kleine Kinder brauchen.
Nach dem Krieg, dem Zusammenbruch Deutschlands, den Enthüllungen über die Naziverbrechen tauchten viele bedrückende Sinnfragen auf, deren Antworten die jugendliche Ingrid Riedel in der Religion suchte. Der Vater war tief erschüttert von dem, was er in Russland gesehen und erlebt hatte, zurückgekehrt. Gleichzeitig war das schiere Wunder eingetreten, dass die ganze Familie überlebt hatte. Das alles führte dazu, dass Ingrid Riedel sich entschied, Theologie zu studieren. „Meine Eltern waren fassungslos. Theologie, Religion, das waren nun gar keine Themen in unserer Familie. Meine älteren Schwestern studierten Mathematik und Physik, meine Brüder sind Ingenieure geworden – ich fiel da total aus der Rolle.“ Aber die Eltern ließen ihr ihren Willen.
Sie studierte, als Kind ihrer Familie denn doch mit Skepsis gesegnet, vor allem in Heidelberg und Göttingen, den damaligen Hochburgen der kritischen Theologie. Sie und eine Studienkollegin waren damals die einzigen Frauen unter hundert Männern. Die Kirchengeschichte als bedeutender Teil der europäischen Geistesgeschichte – und da vor allem die Ketzer – interessierte sie sehr. Ingrid Riedel promovierte über das religiöse Bild, über „Das worthaltige Bild“, wie das Thema ihrer Dissertation lautet, und hatte damit ihr eigentliches Thema gefunden. „Was mich bis heute fasziniert, ist die Sprache der Symbole. Wenn man die Bibel symbolisch versteht, sie nicht wörtlich nimmt, bietet sie einen großartigen Schatz der Erkenntnis. Alle Religion ist symbolisch. Wenn wir das verstehen, können wir ganz andere Brücken bauen, auch zu anderen Religionen.“
Pfarrerin ist sie nicht geworden. Bei aller theologischen Ausbildung war sie eine geistig und spirituell Suchende geblieben, ohne die kirchlich korrekte theologische Einstellung, die man von einer Pfarrerin wohl erwartet hätte. Trotzdem machte sie das zweite theologische Examen, das auf die praktische Ausbildung folgte – eine Zeit, die sie statt im Predigerseminar in Gelnhausen in einer Ausbildungsstätte für evangelische Jugendarbeit absolvierte, wo sie bereits als Ausbilderin tätig war.
Doch dann folgte eine geistige Krise. Nach dem Studium war „ Sankt Ingrid“, wie ihre Familie sie mit liebevollem Spott nannte, zwar promoviert, aber ohne klare Berufsperspektive. Ingrid Riedel konnte sich nicht vorstellen, „einen Talar anzuziehen und Kasperletheater zu spielen“, und sie hatte auch das Gefühl, ihr kritisches Erfahrungs- und Denkpotenzial noch lange nicht ausgeschöpft zu haben. Sie fühlte sich hingezogen zu Sprache und Literatur und entschloss sich, Germanistik und Kommunikationswissenschaft zu studieren. Unterstützt wurde sie durch die VW-Stiftung, die damals Zweitstudien förderte, um interdisziplinären Austausch zu ermöglichen. „Mein Vater hat mit Respekt honoriert, dass ich das erreichte und ihm nicht weiter auf der Tasche liegen wollte.“ In drei Jahren absolvierte sie dieses Studium, spezialisierte sich auf moderne Literatur und schloss mit einer Arbeit über Uwe Johnson ab. Die Veränderung der Verständnismöglichkeiten zwischen den Menschen in Ost- und Westdeutschland interessierte sie dabei besonders.
Nach verschiedenen Versuchen im publizistischen Bereich fand sie schließlich „ihren“ Platz als Studienleiterin an der Evangelischen Akademie in Hofgeismar, wo sie den Bereich „Literatur und Kultur“ übernahm. Vierzehn Jahre sollte sie dort bleiben, obwohl ein Traum ihr schon früh hätte sagen können, dass dies nicht der letzte Ort ihrer beruflichen Bestimmung sein würde. „Ich träumte, als ich noch darüber nachdachte, ob ich diese Stelle annehmen sollte, dass ich aus meiner neubezogenen Wohnung in eine Jesuitenkirche sah – beunruhigender hätte der Ausblick für mich gar nicht sein können. Ich sagte dem Leiter der Akademie damals ehrlich, wie es in mir aussah, dass ich geistig frei sein wolle. Er wollte mich trotzdem, und es wurden dann 14 wunderbare, engagierte Jahre daraus, in denen ich mich neben den üblichen kulturellen Veranstaltungen mit der neu aufkommenden feministischen Theologie auseinandersetzte, überhaupt mit dem Feminismus und auch mit dem aufkeimenden Bedürfnis nach einer Spiritualität jenseits konfessionellen und kirchendogmatischen Denkens.“
Durch eine Märchentagung, zu der sie neben Iring Fetscher auch Verena Kast, die eine ihrer engsten Freundinnen werden sollte, nach Zürich einlud, entdeckte sie – nicht zum ersten Mal, aber nun intensiver – C.G. Jung und ihr Interesse an Träumen. Auch sie erschließen als symbolische Sprache die Tiefen der Psyche. Ingrid Riedel hatte das Bedürfnis, noch einmal in die Tiefe zu gehen, bei sich selbst und anderen. Mit 39 Jahren wagte sie den großen Sprung, zunächst abgefedert durch eine doppelte Tätigkeit. Sie arbeitete weiter an der Akademie, lebte in Kassel und pendelte nach Zürich, um am C.-G.-Jung-Institut in Küsnacht analytische Psychologie zu studieren. Marie-Louise von Franz wurde ihre Lehranalytikerin. Ende der 1970er Jahre schloss sie dieses dritte Studium ab und ließ sich in Konstanz als Analytikerin nieder.
Die Entscheidung, beruflich noch einmal umzusatteln, war durchaus nicht einfach. „Gut, dass du als Kind fest überzeugt warst, fliegen zu können, vor allem bei Sturm und Wind“, so wurde sie von einer guten Freundin ermutigt. Es war ein Sprung ins Ungewisse. Er erfolgte nicht ohne Angst. Ingrid Riedel tauschte den sicheren Beamtenstatus gegen die unsichere Welt der Selbständigen ein. Doch der Schritt hat sich gelohnt: Für sie, ihre Patienten und Studenten und für ihre Leserinnen und Leser. Ingrid Riedel entfaltete eine reiche Publikations- und Vortragstätigkeit. Sie unterrichtete nicht nur in Zürich, sondern auch am Jung-Institut in Stuttgart, erhielt eine Honorarprofessur in Frankfurt am Fachbereich Theologie, die sie vor allem für religionspsychologische Vorlesungen und Seminare nutzte. Sie war nicht wegzudenken aus der „Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie“ (IGT), als deren langjährige wissenschaftliche Leiterin sie bis 2007 vieles bewegen konnte. Auch bei den Lindauer Psychotherapiewochen schätzt man bis heute ihre regelmäßigen Beiträge.
Ihre Bücher umgreifen die großen Themen der von Jung geprägten Tiefenpsychologie: Märchen, Mythen, Religion. Sie schreibt über die Symbolik der Farben und Formen. Ihr Buch Farben: In Religion, Gesellschaft, Kunst und Psychotherapie, eine umfassende Kulturgeschichte der Farbsymbolik, wird zu einem Standardwerk, das inzwischen in der 16. Auflage erscheint (Kreuz-Verlag, 2008). Sie vertieft sich in die Maltherapie und entwickelt hier eine eigene neue Methode, in enger Zusammenarbeit mit der Kollegin Christa Henzler.
Zugleich beschäftigt sie sich immer wieder mit den Lebensphasen, die alle Menschen durchlaufen, die sich aber aufgrund der biologischen Rhythmen bei Frauen ganz akzentuiert darstellen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt darauf, den Sinn der Wechseljahre zu ergründen: „Was hat sich das Leben dabei eigentlich gedacht?“ Sie kommt zu der Ansicht, „dass es nicht nur darum gehen könne, uns Frauen etwas zu nehmen, sondern uns auch etwas Neues zu geben, ein ganz eigenes Leben als Frau, nicht mehr auf biologische, sondern auf soziokulturelle Ziele bezogen, als Möglichkeit zur Realisierung unserer ganz eigenen kreativen Potenziale“.
Und ihr eigenes Frauenleben? Begegnungen waren da, zuverlässige Beziehungen, aber geheiratet hat sie nie. Sie lächelt ihr weiches, unverkrampftes Lächeln. „Ich stamme noch aus einer Generation, in der es unmöglich schien, beides zu vereinen: Heirat, Familie und eine leidenschaftliche, engagierte Berufstätigkeit. Meine Schwestern mit ihrer naturwissenschaftlichen Ausbildung haben geheiratet, Kinder bekommen. Ihre Männer waren stolz, dass ihre Frauen nicht arbeiten mussten. Aber ich wollte so nicht leben.“
Die Möglichkeit eigener Erkenntnis, des Lehrens und der therapeutischen Begleitung von Menschen ist für sie beglückend und erfüllend. „Es gibt einen so großen Bedarf an Mütterlichkeit in der Welt! Ich kann geben, was an Mütterlichem in mir ist. In der Zeit, als mir bewusst wurde, dass ich keine Kinder mehr bekommen würde, gab es Bedauern, Trauer über das, was in meinem Leben nun nicht sein würde.“ Aber dann erkannte sie: So, wie es ist, ist es genau ihr Leben. Und nun kommen viele Menschen in Therapie zu ihr, die abgelehnte Kinder waren, die Mütterlichkeit suchen und lernen müssen, Wärme und Anerkennung für sich selbst zu entwickeln. „Ich spüre dabei immer wieder dankbar, dass ich das, was ich brauchte, um mich zu bejahen, als Kind bekommen habe. Davon kann ich weitergeben.“
Die Entscheidung für den Jungschen Ansatz hat sie nie bereut. „Ich weiß schon, was ich an der Jungschen Psychologie habe“, lacht sie.
Und was ist es, was sie an Jungs Gedanken bis heute am meisten schätzt?
„Dass er sich an den Ressourcen eines Menschen orientiert“, sagt sie lebhaft, „dass er nicht beim Mangel ansetzt, sondern bei dem, was an möglicherweise Hilfreichem schon da ist, und dass er kreative Ansätze fördert. Das ist im Übrigen jetzt wieder ‚in‘, nur denkt kaum jemand in diesem Zusammenhang an C.G. Jung, der diese Gedanken schon vor acht Jahrzehnten entwickelt hat.“
Dabei versucht Jung nicht nur, an die individuellen Ressourcen eines Menschen anzuschließen, sondern auch an die Ressourcen der Menschheit als Ganzes, an Lebensweisheit, Spiritualität und Kreativität, wie sie sich in den Mythen, Symbolen und Religionen der Menschheit niedergeschlagen haben. Außerdem bestärkt Jung, wie Ingrid Riedel betont, den Versuch, zu einer integrativen Sicht des eigenen Lebens zu gelangen, was besonders im Alter von Bedeutung ist.
Was sie aus der Sicht eines reichen, geglückten Lebens zum Älterwerden zu sagen hat, hört man nicht nur gerne, man glaubt ihr auch jedes Wort. Denn sie selbst ist das überzeugendste Beispiel dafür, wie man sich mit Mut und Hoffnung in einen Prozess begeben kann, der einem sowieso nicht erspart bleibt. Sie wirkt wohl so überzeugend, weil sie nicht versucht, ein rosarotes Bild des Alters zu malen. „Es ist nicht einfach, alt zu werden. Jeder Zahn, den man verliert, schmerzt. Die eigenen Kraftreserven nehmen ab, die Verluste nehmen zu. Geliebte Menschen sterben, das geht einem unter die Haut. Es kann manchmal schwer sein, dem, was man gelebt hat, Sinn abzugewinnen. Aber auch noch jetzt kann man schöpferische Ressourcen erschließen.“ Man kann zum Beispiel der Frage „Warum?“ die Frage „Wozu?“ zur Seite stellen. Nicht nur fragen: „Warum ist mir das geschehen?“, sondern: „Wozu ist es vielleicht auch gut, dass es geschehen ist? Wozu kann ich es nutzen, was kann ich daraus machen?“
„In der Therapie mit älteren Menschen geht es nicht mehr um ein neues Leben, um faktische Veränderung, sondern um eine neue Einstellung zu dem Leben, das gelebt worden ist und das mich zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin.“ Es sei die Aufgabe im Alter, dem eigenen Leben einen Sinn abzugewinnen, meint sie. Die Erinnerung ist ja ein äußerst aktiver, schöpferischer Prozess, wir schreiben unser Leben in der Erinnerung immer wieder um, geben den Erinnerungen neue Bedeutung. Wir können das, was geschehen ist, auf verschiedene Weise interpretieren und in eine Lebensdeutung integrieren, die Sinn schenkt.
„Überhaupt“, sagt Ingrid Riedel, „liegt mir viel daran, die Bedeutung der Erinnerung zu betonen. Während der Handlungsspielraum sich einengt, ist der seelische Raum immer betretbar. In ihm können wir uns frei und weit bewegen. Er ist gegenwärtig, auch wenn etwas vergangen ist. Eine Frau ist geliebt, auch wenn der Mann, der sie liebte, gestorben ist. Auf diese Art Wahrnehmung versuche ich mit den Menschen hinzuarbeiten.“
Zum Älterwerden gehört sehr wohl auch das Loslassen, bestätigt Ingrid Riedel, die selbst beginnt loszulassen. Ihre Funktion bei der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie hat sie jetzt in die Hände Jüngerer gelegt, sie nimmt nicht mehr so viele Termine für Vorträge und Seminare an wie früher, ist weniger häufig in Stuttgart und hält im Moment keine Vorlesungen in Frankfurt. Das Motto ist: weniger Breite, mehr Vertiefung. Als Therapeutin hat sie sich stark auf die Ausbildung konzentriert – Weitergeben, Generativität ist ihr wichtig im Alter –, aber hie und da hat sie auch noch Patienten, die dringend Behandlung brauchen: „Man glaubt es nicht, aber manche klingeln einfach an der Tür und lassen sich nicht abweisen“, so schmunzelt sie.
Es bleiben uns nur noch ein paar Minuten, sie muss noch zu einem anderen Termin. Ob sie Angst vor dem Tod hat? „Eigentlich nicht.“ Da gebe es wohl einen seelischen Schutz, der vor dieser Angst bewahre, so ist sie überzeugt. „Ich konzentriere mich eher aufs Leben. Und halte es mit meiner Großmutter, die immer so schön paradox gesagt hat: Sterben müssen wir ja alle, da bringt es uns auch nicht um.“ Aber sie ist überzeugt, dass wir alle etwas von uns auf dieser Welt zurücklassen. „Ich sage dazu, wir samen uns aus, wir streuen Leben aus. Ganz ohne Berechnung, oft unbewusst, ohne dass es eine Leistung wäre: durch einen Blick, den ein anderer auffängt, ein Wort, das in Erinnerung bleibt, eine Berührung, die etwas auslöst. Wir sind wie der Löwenzahn, dessen Samen der Wind in die Welt trägt.“
Es wäre noch viel zu sagen, aber nun muss sie wirklich los.
Schon auf der Treppe, sagt sie noch: „Jetzt haben wir gar nicht über den Feminismus gesprochen und wie wichtig die Begegnung damit für mich war. Jedenfalls: Es ist noch längst nicht alles erreicht. Die jüngeren Frauen, die oft nicht mehr viel vom Feminismus halten, mögen es nicht besser wissen, aber sie stehen auf den Schultern derer, die sich einmal für die Sache der Frauen eingesetzt haben.“
Dann braust sie los. Dickköpfiger sei sie geworden, meint sie noch, unbequemer – wie früher als Kind. Ihren Lesern gibt sie einen wichtigen Satz fürs Älterwerden mit: „Wenn man älter wird, ist es an der Zeit, überhöhte Ich-Ideale abzubauen und auf die ‚wahre Größe‘ zurückzuschrumpfen. Spätestens dann sollte man den eigenen Narzissmus loswerden und sich würdigen für das, was man ist.“
© Psychologie Heute 2010
Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Psychologie Heute 7/2009, Seite 62 bis 66. Heft 7/09 bestellen
Fotos: Stefan Blume
Jeden Monat stellen wir Ihnen auf unseren Internetseiten eine der wichtigsten, innovativsten und prägendsten Persönlichkeiten aus Psychologie, Psychotherapie und Sozialwissenschaften vor. Die Artikel entstammen unserer Heftserie „Das Porträt“.
Lesen Sie in diesem Monat über Florian Holsboer
Mitte September folgt ein Porträt von:
Bildnachweis Porträts:
Foto von Klaus Dörner: agenda (Michael Kottmeier)
Loftus: Axel Koester
Holsboer, Jellouschek, Moser, Petzold, Riedel, Rohde-Dachser, Stierlin, Willi: Stefan Blume
Birbaumer, D. Dörner, Hell, Prinz, Stern, Tausch: Mathias Ernert
Czikszentmihalyi: Ricardo Herrgott
Baltes: Nina Höffken
Kahneman, Kernberg, Solms: Jürgen Frank
Jaeggi: Ingmar Kurth
Schulz von Thun: Anja Lubitz
Leuzinger-Bohleber: Pat Meise
Yalom: Joseph Siroker
Kast: Judith Stadler

Im Jahr 2004 konnten wir auf 30 Jahre Psychologie Heute zurückblicken. Aus diesem Anlass haben wir exklusiv für unsere Leser das Jubiläumsbuch „Faszination Psychologie“ aufgelegt. Es versammelt 100 Beiträge bedeutender Autoren aus drei Jahrzehnten … mehr