Wenn man sich mit Helm Stierlin über sein Leben unterhält, muss man sich auf zahlreiche Unterbrechungen einstellen. Immer wieder steht er auf, um ein Buch zu suchen oder nach einem Foto zu kramen. Einmal kommt er mit einer Aufnahme, die ihn als jungen Therapeuten in einer berühmten Gruppe amerikanischer Psychoanalytiker zeigt. Kurz darauf präsentiert er eine CD mit der Aufnahme einer Hamletaufführung, in der er der Titelheld war und prominente Kollegen wie Paul Watzlawick und Ivan Boszormenyi-Nagy andere Charaktere spielten.
In seinem Haus in Heidelberg, wunderschön an einem Hang und mitten in einem üppigen Garten gelegen, hat er das Dachgeschoss für seine umfangreiche Bibliothek reserviert. Hier gibt es auch genügend Platz für eine Sitzgruppe, die sich für Therapie- und Supervisionssitzungen eignet – oder aber für ein Gespräch über seine lange Karriere als Psychiater und Therapeut.
Helm Stierlin ist ein großer, etwas schlaksiger Mann mit einem hageren, sonnengebräunten Gesicht und blauen Augen. Der 81-Jährige wirkt ein bisschen schüchtern. Aber mit seiner manchmal etwas unsicher anmutenden Herzlichkeit und seiner natürlichen Art schafft er es in kurzer Zeit, eine entspannte, fast familiäre Atmosphäre zu schaffen.
Man würde nicht unbedingt vermuten, dass dieser sympathische, bescheidene Mann zu den international renommiertesten Familientherapeuten gehört. Von Eitelkeit und erfolgsgestärktem Ego keine Spur. Dabei ist der Berufsweg, von dem er erzählt, mehr als bemerkenswert. Während seiner Ausbildung lernte er Massenschlafsäle für „Nervenkranke“ ebenso kennen wie Kliniken für Millionäre. Er besprach schwierige Fälle mit der großen Psychoanalytikerin Frieda Fromm-Reichmann, übernachtete bei Gregory Bateson, dem schillernden Vorreiter der Systemtheorie, und tauschte sich mit Salvador Minuchin aus, dem Begründer der strukturellen Familientherapie. Stierlin arbeitete für das größte psychiatrische Forschungsinstitut der USA, in amerikanischen und Schweizer Privatsanatorien und in einer kleinen, innovativen Abteilung der Heidelberger Uniklinik. Seine Laufbahn hat ihn aber nicht nur geografisch gesehen weit gebracht. Sie war vor allem ein langer intellektueller Weg, auf dem sich seine Perspektive komplett verändert hat.
Angefangen hat sein Berufsweg dort, wo er auch viele Jahrzehnte später seinen Höhepunkt erreichte: in Heidelberg. Hier begann Helm Stierlin 1946 als 20-Jähriger mit dem Studium, erst Philosophie, zwei Jahre später Medizin. Begeistert hörte er die Vorlesungen von Karl Jaspers, zu dem er einen guten Draht entwickelte und bei dem er auch eine Doktorarbeit schrieb. Seit Hauptinteresse galt aber der Medizin. Dies schreibt er seiner Mutter zu. Die lebenslustige, eigensinnige Frau, die bei seiner Geburt erst 21 Jahre alt war, wäre gerne Ärztin geworden, was als Mutter von drei Söhnen dann nicht möglich war. Als ältester Sohn, meint er, habe er diesen Wunsch wohl stellvertretend für sie erfüllt.
Alexander Mitscherlich brachte ihm die Psychoanalyse nahe und wurde zu einem seiner wichtigsten Lehrer. Schon während des Studiums begann er, zahlreiche Artikel für Mitscherlichs Zeitschrift Psyche zu schreiben. Nach dem Examen wollte er sich eigentlich auf die Psychosomatik spezialisieren. Über Umwege landete er aber in der Psychiatrie – und bekam erst einmal einen Schock. Seine Erfahrungen als Assistenzarzt in der Münchner Universitätsklinik waren mehr als ernüchternd. Patienten mit den unterschiedlichsten Störungen lagen in großen Sälen zusammen. Die Rolle des Arztes beschränkte sich darauf, ein autoritärer Ordnungshüter zu sein. Von psychologischer Betreuung keine Spur. Psychosen, so lautete die damalige Doktrin, sind organisch bedingt und nicht therapeutisch behandelbar. Die Doktorarbeit, die sich während dieser Zeit ergab, passte zur unwirtlichen Umgebung: So schlug ihm sein Chef, der von einem Patienten mit einem Faustschlag niedergestreckt worden war, eine Arbeit über die Gefahren des Psychiaterberufes vor.
Stierlin promovierte tatsächlich über gewalttätige Patienten. Doch von dieser Art der Psychiatrie hatte er die Nase voll. Da fiel ihm das Buch eines berühmten amerikanischen Psychiaters in die Hände, das eine völlig andere Perspektive präsentierte. In Conceptions of Modern Psychiatry schrieb der 1949 verstorbene Harry Stack Sullivan, dass nicht nur Neurosen, sondern auch Psychosen wie die Schizophrenie psychologisch erklärbar seien und ihre Ursache in der Erziehung und anderen Wechselfällen des Lebens hätten. Folglich könnten sie psychotherapeutisch behandelt werden. Statt Zwangsjacke und Beruhigungsspritze therapeutische Gespräche – von diesem Ansatz war Stierlin so fasziniert, dass er beschloss, in die USA zu gehen, um dort die Lehre Sullivans zu lernen.
Welcher Ort konnte dazu besser geeignet sein als jenes Krankenhaus, in dem Stack Sullivan selbst gearbeitet und in den 1920er Jahren seine berühmten Studien mit Schizophrenen durchgeführt hatte: das Sheppard and Enoch Pratt Hospital, eine Privatklinik in der Nähe von Baltimore. Trotz seiner für amerikanische Verhältnisse geringen praktischen Erfahrungen hatte Stierlin mit seiner Bewerbung Erfolg und fing 1955 dort als Arzt an. „Das war eine im Vergleich zur Münchner Uniklinik völlig andere Welt“, erinnert er sich. Jeder Arzt war für zehn bis zwölf Patienten verantwortlich, die er persönlich betreute. Es gab auch Elektroschock- und Insulinbehandlungen, doch im Mittelpunkt standen therapeutische Gespräche. Deren Ziel war es, die tief verinnerlichten psychischen Traumata und seelischen Konflikte, von denen man annahm, dass sie der Psychose zugrunde lagen, dem Patienten bewusst zu machen und durchzuarbeiten.
Einen noch tieferen Einblick in die psychoanalytisch orientierte Psychosentherapie erhielt Stierlin am Chestnut Lodge Hospital, in das er nach einem Jahr wechselte. Das exklusive Sanatorium in der Nähe von Washington (D.C.) betreute nur etwa 70 stationäre sowie 30 ambulante Patienten, die meist aus sehr wohlhabenden Verhältnissen stammten. Die Behandlung war äußerst intensiv. Jeden der sechs Patienten, die ein Therapeut betreute, sah er viermal die Woche zu einer Sitzung – und das oft über mehrere Jahre.
Chestnut Lodge galt zu diesem Zeitpunkt als Mekka der psychoanalytischen Psychiatrie. Ebenfalls stark von den Lehren Sullivans geprägt, arbeiteten dort die führenden Vertreter dieser Richtung, darunter auch Frieda Fromm-Reichmann. Mitte der 1960er Jahre wurde ihre Arbeit durch den autobiografischen Roman ihrer Patientin Hannah Green Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen (Rowohlt, Reinbek 2000) berühmt. Auch Stierlin, der bei ihr etwa ein Jahr in Supervision ging, bis sie überraschend starb, war von ihr beeindruckt: „Sie war sicher eine der talentiertesten und erfahrensten Therapeutinnen des Landes.“
Ein Begriff, den er von ihr immer wieder hörte, war der der schizophrenogenen Mutter. Fromm-Reichmann war aufgefallen, dass viele der Mütter, die ihre schizophrenen Söhne oder Töchter im Sanatorium besuchten, übermäßig auf deren Emotionen einwirkten und gleichzeitig in verwirrender Weise kommunizierten. Sie war deshalb davon überzeugt, dass dieses Verhalten zur Erkrankung beitrage. Stierlin hält den Begriff der „schizophrenogenen Mutter“ heute für unzutreffend, ja gefährlich. Die Bedeutung der Familie hatte er aber auch bei seinen eigenen Patienten beobachtet. Besonders eindrucksvoll war eine Erfahrung, die er ganz am Anfang seiner Zeit im Chestnut Lodge Hospital machte. Seine allererste Patientin war eine Studentin, die in einem Zustand völliger Bewegungslosigkeit eingeliefert worden war. Nach ein paar Wochen hatte sich der Stupor gelöst, und Stierlin glaubte, eine gute Beziehung zu ihr aufgebaut zu haben. Da nahm der Vater das Mädchen plötzlich ohne Vorankündigung über Nacht aus dem Spital. „Ich war ziemlich niedergeschlagen“, erinnert er sich. „Meine erste Patientin und gleich ein solcher Rückschlag.“ Doch sein Supervisor Otto Will, ein Schüler Sullivans und mittlerweile selbst ein bekannter Therapeut, tröstete ihn: „Schon Sullivan sagte immer, das erste Zeichen der Besserung eines schizophrenen Patienten zeige sich darin, dass die Familie ihn aus dem Spital nimmt.“
In den fünf Jahren, die er insgesamt im Chestnut Lodge Hospital verbrachte, machte sich Stierlin immer wieder über die Beziehungen innerhalb der Patientenfamilien Gedanken und fragte sich, welchen Anteil sie wohl an einer psychischen Störung hatten. Doch in seiner Arbeit blieb er weitgehend der psychoanalytischen Tradition mit ihrer Konzentration auf Vergangenheit und intrapsychische Vorgänge verpflichtet. Wie er es in seiner Lehranalyse und von den Supervisoren gelernt hatte, bemühte er sich in unzähligen Therapiestunden, die tiefsitzenden und lang zurückreichenden emotionalen Konflikte seiner Patienten aufzulösen.
Dass man eine Therapie mit Schizophrenen auch anders anpacken kann, erfuhr er bei einem Besuch bei der berühmten Palo-Alto-Gruppe. Angeregt durch den exzentrischen Briten Gregory Bateson hatte sich dort eine bunte Truppe von Forschern zusammengefunden, die Psychotherapie auf ganz neue Art betrieben. Ihre Ideen leiteten sie aus der Systemtheorie und der Kybernetik ab. Bei menschlichem Verhalten komme es auf den Kontext, auf das System an, in dem ein Mensch agiert, lautete eine ihrer wichtigen Erkenntnisse. Ohne den Kontext zu betrachten, könne man das Verhalten nicht verstehen – und auch nicht verändern. Schizophrenie beispielsweise führte Bateson auf einen double bind zurück, eine Beziehungsfalle mit einem Elternteil, die ein Kind immer ins Unrecht setzt, egal in welcher Weise es sich verhält.
Von seiner steten Neugier nach neuen und besseren Konzepten getrieben, fuhr Helm Stierlin 1962 nach Kalifornien, um sich anzusehen, wie man mit diesem Konzept Erkrankten helfen kann. Hinter einer Glasscheibe sitzend, beobachtete er, wie der Therapeut Jay Haley mit den Familien arbeitete. „Das war sehr beeindruckend“, erinnert sich Stierlin. „Er konzentrierte sich ganz auf die Muster der Kommunikation. An innerpsychischen Konflikten dagegen war er überhaupt nicht interessiert.“ Der Besuch wurde zu einem der Schlüsselerlebnisse, die ihn das traditionelle psychoanalytische Konzept immer mehr hinterfragen ließen. Waren die gegenwärtigen Beziehungen und die Konflikte nicht in der Tat viel wichtiger als frühkindliche Traumata? Und mussten Patienten wirklich erst Jahre in Analyse gehen, bevor sich ihr Zustand bessern konnte?
Stierlin sollte sich bald daranmachen, diese Fragen systematisch zu erforschen. Doch zunächst legte er ein zweijähriges Intermezzo in der Schweiz ein, wo er in einem Privatsanatorium als leitender Psychoanalytiker arbeitete. 1965 aber kehrte er in die USA zurück. Sein enger Freund Lyman Wynne, ein international bekannter Schizophrenieforscher, den er im Chestnut Lodge kennen gelernt hatte und der mittlerweile am National Institute of Mental Health (NIMH) bei Washington arbeitete, motivierte ihn, ebenfalls dort anzuheuern. Das NIMH war nicht nur das größte psychiatrische Forschungsinstitut in den USA, in dem Hunderte Wissenschaftler arbeiteten, sondern auch ein Treffpunkt für innovative Forscher anderer Institute und Universitäten. „Fast alle damaligen Pioniere der Familientheorie und -therapie“, erinnert sich Stierlin, „gaben sich dort früher oder später ein Stelldichein.“ Und er freundete sich mit vielen von ihnen an.
Er selbst leitete die so genannte Familiensektion. Dazu gehörte eine kleine Bettenstation, in der immer wieder Jugendliche eingeliefert wurden, die von zu Hause ausgerissen waren. Die Arbeit mit diesen Ausreißern stellte sich bald als hochinteressantes Forschungsthema heraus. Denn die Familienbeziehungen spielten darin eine große Rolle. Stierlin führte intensive Interviews nicht nur mit den Patienten, sondern auch mit den Angehörigen, um die Familiensituation genau analysieren zu können. Aus seinen Beobachtungen wissenschaftliche Studien zu machen, fiel ihm allerdings anfangs nicht leicht. Als Kliniker, der das Studium schon lange hinter sich hatte, fehlte ihm das Know-how, das man für wissenschaftliche Forschung braucht. Statistik büffeln, dazu ein hoher Arbeits- und Konkurrenzdruck im Institut, „das war eine schwierige Zeit“, wie er im Rückblick sagt. Seine Frau, eine Psychologin, die er in der Schweiz kennen gelernt hatte, und die zwei Töchter, die das Paar bekam, mussten abends oft lange auf ihn warten, wie Stierlin heute bedauert.
Neun Jahre blieb Helm Stierlin insgesamt am NIMH. Während dieser Zeit arbeitete er sich nicht nur in wissenschaftliche Techniken ein, er kam auch zur festen Überzeugung, dass eine Psychotherapie nur dann gelingen kann, wenn man die Dynamik innerhalb einer Familie versteht. Er legte auch einen ersten eigenen Ansatz vor, was genau im familiären Mikrokosmos vor sich geht. In Conflict and Reconciliation, einem seiner bis heute bekanntesten Bücher, das er 1969 veröffentlichte, beschrieb er, wie Familien mit Bindung und Ausstoßung agieren (Deutsch: Eltern und Kinder. Das Drama von Trennung und Versöhnung im Jugendalter. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980).
In seine Arbeit ließ Stierlin auch die Erfahrungen aus seiner eigenen Herkunftsfamilie einfließen. So sieht er sich selbst als in gewisser Weise „ausgestoßenes Kind“. Die Mutter sei bei seiner Geburt aufgrund ihres jungen Alters noch nicht recht zur Mutterschaft bereit gewesen, sagt er. Sie habe sich nur bedingt für ihren Ältesten interessiert und ihm schon früh die Kraft der Selbstorganisation zugesprochen. Als Junge habe er sehr unter der Bevorzugung seines jüngeren Bruders Gerhard gelitten. Später allerdings, als die Mutter Witwe geworden war und eine Karriere als Malerin begann, suchte sie die Nähe des ältesten Sohnes. „Sie hat ihn dann sehr gebunden“, sagt Stierlins Frau Satuila, „auf eine Art und Weise, die ihm gar nicht recht war.“ Auch mit dem Verhältnis zum Vater, einem Bauingenieur, hat sich Stierlin intensiv befasst. Als Kind habe er sich sehr mit dem Vater identifiziert, sagt er. Dessen häufige berufsbedingte Abwesenheit und auch seine „preußische Seite“ hätten die Beziehung aber belastet. Dass der Tod des Vaters in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges ein Suizid aus Verzweiflung über den Zusammenbruch des nationalsozialistischen Reiches war, gestand ihm die Mutter erst 35 Jahre später ein, nachdem Stierlin sie mit entsprechenden Informationen konfrontiert hatte. Dieses Wissen habe zu einer ausgiebigen Auseinandersetzung mit dem toten Vater geführt, erinnert er sich, in dem sich Konflikt und Versöhnung, Distanzierung und Wiederannäherung verbunden hätten.
Während Stierlin an seinen familienorientierten Konzepten arbeitete, war der Zweifel am psychoanalytischen Ansatz immer größer geworden. Manche Elemente hielt er zwar weiterhin für hilfreich. Doch er war überzeugt, dass man sie grundlegend modifizieren und mit den Ideen der Familientheorie und systemischen Theorie verbinden müsse, um zu einem tragfähigen und zukunftsweisenden Konzept zu kommen.
1974 erhielt Stierlin die Gelegenheit, an der Gestaltung dieser Zukunft entscheidend mitzuwirken. Die Universität Heidelberg bot ihm die Leitung der „Abteilung für Psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie“ an der psychosomatischen Klinik an. Das war zwar nur eine kleine Abteilung, die aber mit einem recht großzügigen Budget ausgestattet war. Außerdem sicherte die Universität dem neuen Direktor völlige Freiheit bei der Gestaltung der Forschung zu.
Der Abschied aus den USA fiel Stierlin nicht leicht. Schließlich hatte er hier 15 wichtige Jahre seines Lebens verbracht. Doch die Möglichkeiten in Heidelberg waren einfach zu verlockend. So griff er zu und machte sich sofort daran, ein Forschungsprogramm ganz nach seinen Vorstellungen zu entwickeln. Sein Ziel war, das familientherapeutische und systemische Denken auf besonders schwierige Fälle – Schizophrenie, manisch-depressive Psychose, Magersucht – anzuwenden. Sein Team, bestehend aus drei bis vier Ärzten und Wissenschaftlern, führte nur ambulante Behandlungen durch; Betten gab es auf der Station nicht. Psychiater aus der Gegend, zu denen man Kontakte aufgebaut hatte, schickten Familien, die für eine Familientherapie geeignet erschienen.
Die Behandlungen verliefen anfangs zuweilen turbulent, wie sich Stierlin erinnert: „Es passierte immer mal wieder, dass einem Patienten die Sicherungen völlig durchbrannten und er von einem Krankenwagen abgeholt werden musste.“ Stierlin bekam sogar mit, dass manche Kollegen aus anderen Abteilungen sich befremdet über das Chaos in seiner Abteilung äußerten. „In das Unimilieu passte unser experimenteller Ansatz nicht hinein.“
Die Methode war zunächst noch vom psychoanalytischen Denken geprägt. So beschäftigte man sich viel mit der Vergangenheit der Familie. Stierlin entwickelte beispielsweise das so genannte Delegationsmodell, nach dem Kinder von frühester Kindheit an elterliche Aufträge übernehmen. In der Therapie versuchte man, überlastende Aufträge aufzuspüren und umzukehren. „Wir fanden aber bald heraus“, so Stierlin, „dass es sehr schwierig ist, systemisches und analytisches Denken zusammenzubringen.“ Über die Jahre entwickelten Stierlin und sein Team ein ganz eigenes Konzept, das als „Heidelberger langzeitige Kurztherapie“ bekannt wurde. Charakteristisch waren die langen Pausen zwischen den Sitzungen, in denen die Anstöße aus der Therapiestunde nachwirken konnten und die Familie zusätzlich „Hausaufgaben“ zu erledigen hatte. So reichte es oft aus, die Therapie auf wenige Sitzungen zu beschränken, die über einen Zeitraum von bis zu mehreren Jahren verteilt waren.
Über die Erfolge ihres Konzeptes waren die Heidelberger manchmal selbst überrascht. „Ich erinnere mich noch gut an eine unserer ersten Magersüchtigen, ein 13-jähriges Mädchen, das schon seit sechs Monaten an der Nahrungssonde hing“, erzählt Stierlin. „Schon nach einer Sitzung begann sie wieder normal zu essen.“ Ein manisch-depressiver Patient, der über Jahre immer wieder hospitalisiert werden musste, konnte nach 12 Familiensitzungen wieder in ein weitgehend normales Leben zurückkehren. Man merkt deutlich, dass Stierlin sich über solche Durchbrüche noch heute freut. Das ist auch mehr als berechtigt. Die Arbeit der Heidelberger Gruppe trug wesentlich dazu bei, dass sich die Systemische Familientherapie in Deutschland etablierte.
Er habe großes Glück mit seinen talentierten Mitarbeitern gehabt, so erklärt Stierlin den Erfolg. Zur produktiven und kreativen Atmosphäre im Team hat er als Chef aber wohl viel beigetragen. Das betonen zumindest die Beteiligten. Nicht nur, dass er zahlreiche renommierte Wissenschaftler nach Heidelberg holte. Er pflegte auch einen völlig unautoritären Führungsstil. „Es gab keine Einengung oder Kontrolle“, erinnert sich Gunther Schmidt, der von Anfang an zum Team gehörte und heute das Milton-Erickson-Institut in Heidelberg und die Systelios-Klinik für Psychosomatik in Siedelsbrunn leitet. „Er war immer bereit, einen Vertrauensvorschuss zu geben, und appellierte an unsere Eigenverantwortlichkeit.“ Er habe jedem das Gefühl gegeben, großartig zu sein, bestätigt Fritz Simon, ab 1982 Mitglied des Teams und mittlerweile Professor an der Universität Witten/Herdecke. „Er selbst konnte so unsicher und unglücklich wirken, wenn mal etwas nicht klappte, dass wir uns alle besonders ins Zeug legten.“ „Führung durch Hilflosigkeit“ nennt Simon scherzhaft die Herangehensweise seines ehemaligen Chefs. Das lockere Klima schloss nicht aus, dass auch heftig diskutiert und gestritten wurde. Unterschiedliche Meinungen und Kritik, auch an der Sichtweise des Chefs, waren ausdrücklich erwünscht. „Aber im Persönlichen“, meint Schmidt, „war er immer um Ausgleich und Versöhnung bemüht.“
Stierlins Fähigkeit, trotz inhaltlicher Divergenzen auf persönlicher Ebene verbunden zu bleiben, hat offenbar auch seine Abkehr von der Psychoanalyse erleichtert. Dass sich einer ihrer prominentesten Vertreter (während er in den USA weilte, war er einer der schreibfreudigsten Autoren in der Psyche) weitgehend vom freudianischen Gedankengut abwendete, enttäuschte viele in der psychoanalytischen Gemeinde. Dennoch ist er dort immer noch akzeptiert, weiß Simon: „Er hat eine Art, auch grundsätzliche Kritik in freundliche und versöhnliche Worte zu fassen, dass man ihm einfach nicht böse sein kann.“
Seine ausgleichende Natur konnte allerdings nicht verhindern, dass nach seiner Emeritierung 1991 in Heidelberg einige Turbulenzen aufkamen. So versuchte die medizinische Fakultät die Auflösung seiner Abteilung herbeizuführen. Während sich die Universität in jahrelange Diskussionen über die Entscheidung verstrickte, gründeten Stierlins Mitarbeiter ein privates Institut, in dem sie seine Arbeit weiterführten. Nach einigen Jahren allerdings überwarfen sich die Beteiligten, und es kam zu einer Spaltung. So existieren heute zwei Institute, die in der Tradition der Heidelberger Familientherapie arbeiten, die Internationale Gesellschaft für Systemische Therapie (www.igst.org) und das 2002 neu gegründete Helm-Stierlin-Institut (www.hsi-heidelberg.com), mit dem sich der Namensgeber verbunden fühlt. Über die Streitereien zwischen seinen ehemaligen Mitarbeitern, bei denen er mit seinen Vermittlungsbemühungen an seine Grenzen kam, wie er sagt, spricht er nicht gern.
Lieber redet er über seine neuen Pläne. Denn obwohl über achtzig, ist er immer noch sehr aktiv: So betreibt er nicht nur ein straffes körperliches Fitnessprogramm, sondern hält auch Vorträge und Seminare. Zudem steht schon das nächste Buchprojekt an. Darin will er sich mit dem Thema „Sinnsuche und Psychotherapie im Wandel“ befassen. „Ich schaue immerhin auf mehr als ein halbes Jahrhundert Psychiatrieerfahrung zurück“, meint er. „Da reizt es mich aufzuarbeiten, wie der Wandel im persönlichen Denken, der gesellschaftliche Wandel und der Wandel in der Psychoszene zusammenhängen, und auch, welche Probleme mit Wandel verbunden sind.“ Auf das Ergebnis darf man gespannt sein: Wer könnte ein solches Buch besser schreiben als ein Mann, der sein eigenes Denken im Laufe des Lebens so grundlegend gewandelt hat?
© Psychologie Heute 2010
Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Psychologie Heute 12/2007, Seite 34 ff. Heft 12/07 bestellen
Fotos: Stefan Blume
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Kahneman, Kernberg, Solms: Jürgen Frank
Jaeggi: Ingmar Kurth
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Leuzinger-Bohleber: Pat Meise
Yalom: Joseph Siroker
Kast: Judith Stadler

Im Jahr 2004 konnten wir auf 30 Jahre Psychologie Heute zurückblicken. Aus diesem Anlass haben wir exklusiv für unsere Leser das Jubiläumsbuch „Faszination Psychologie“ aufgelegt. Es versammelt 100 Beiträge bedeutender Autoren aus drei Jahrzehnten … mehr