Wenn es um Kommunikation oder Rhetorik geht, kommt man um den Namen Schulz von Thun nicht herum. Die Theorien des Hamburger Professors gehören zum Grundlagenwissen in der Kommunikationspsychologie. Ob Schüler oder Student, angehender Lehrer oder Arzt, aufstrebender Manager oder streitendes Ehepaar, wer sich hierzulande schon mal ernsthaft mit der menschlichen Verständigung befasst hat, ist höchstwahrscheinlich mit seinen Ansätzen vertraut.
Seit rund 35 Jahren erforscht Friedemann Schulz von Thun, wie Menschen besser miteinander reden können. Er zählt zu den bekanntesten deutschen Psychologen. Seine Bücher haben eine Millionenauflage erreicht und wurden ins Holländische, Italienische, Kroatische, Polnische und Chinesische übersetzt. Organisationen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen wenden sich mit Kommunikationsproblemen an ihn, von McKinsey und Amnesty International bis zu anthroposophischen Kindergärten und der Bundeswehr.
Nichts an ihm ist professoral oder prätentiös. Er trägt eine bequeme Hose und ein legeres Hemd. Sein Gesicht ist jugendlich und leicht gebräunt, als hätte er am letzten Wochenende einen langen Spaziergang gemacht. Die Sprechstunde hat mal wieder länger gedauert. Zwischen Tür und Angel beantwortet er geduldig die Frage einer Studentin, die ganz dringend noch etwas wissen will. Herzlich geht er dann auf seine Besucherin zu und bittet in sein bescheidenes Büro im vierten Stock des Betonkastens am Von-Melle-Park, wo die Psychologen und Wirtschaftswissenschaftler der Hamburger Universität untergebracht sind. Er holt Wasser, Kaffee, Kekse und Obst, erinnert an ein früheres Treffen und wie schnell die Zeit doch vergeht.
Mit seiner freundlichen und fürsorglichen Art könnte er auch ein Vertrauenslehrer sein. Man kann ihn sich gut mit Kindern und Jugendlichen vorstellen. Seit der eigenen Schulzeit hat er sich wohl sehr verändert. Seine Mitschüler in der Gelehrtenschule des Johanneums in Hamburg-Winterhude haben in ihm sicherlich keinen Meister der zwischenmenschlichen Kommunikation gesehen.
Schüchtern, unsicher und unbeholfen mit anderen sei er als junger Mensch gewesen, erinnert sich der heute 60-Jährige. „Ich konnte gut argumentieren und gelehrt reden, immer mit vielen lateinischen und altgriechischen Brocken durchsetzt. Doch wie es mir ums Herz war und was ich im Umgang mit anderen fühlte, all die Fragen des Inner- und Zwischenmenschlichen waren mir damals peinlich und verpönt.“
Während sich seine Schulkameraden mit Kumpeln oder der ersten Freundin trafen, spielte der 15-Jährige lieber Schach. Historische Partien studieren, Angriffs- und Verteidigungsvariationen testen, auf Turniere fahren, über viele Jahre ging ein Großteil seiner Zeit dafür drauf. Auf den 64 Feldern des Schachbrettes fühlte sich der junge Schulz von Thun souverän. Keine Gefahr, etwas Uncooles zu sagen, sich beim anderen Geschlecht eine Abfuhr zu holen oder in der eigenen Innenwelt zu verlaufen.
Beruflichen Erfolg dort suchen, wo man seine Stärken ausspielen kann, die meisten Menschen wählen wohl diesen Weg. Schulz von Thun dagegen wurde zum Experten im eigenen „Mangelgebiet“, wie es Christoph Thomann, ein langjähriger enger Freund und Kollege, beschreibt. Doch bis dahin war es ein langer Weg.
Obwohl der Vater bedenklich schaute und ihn selbst heftige Zweifel quälten, schrieb er sich nach Abitur und Bundeswehr für ein Studium der Psychologie ein. Dort strebte er zunächst in einen ihm vertrauten Bereich. Er wollte Denkvorgänge und Denkfehler von Schachspielern erforschen. Für seine ersten eigenen Versuche ließ er Turnierspieler zu vorgegebenen Stellungen „laut denken“, während er alles auf Tonband aufnahm. Als Diplomarbeitsthema stellte er sich eine Untersuchung zum Einsatz der programmierten Unterweisung im Schachtraining vor. Doch am Lehrstuhl seines Universitätslehrers Reinhard Tausch wiegelte man ab – zu wenig gesellschaftliche Relevanz.
Es war Anfang der 70er Jahre. Willy Brandt sprach von „mehr Demokratie wagen“, und an den Universitäten forschte man, wie das zu erreichen sei. Reinhard Tausch, Experte für Erziehungspsychologie, nahm sich der Situation in Spielzimmern, Klassenzimmern und Kindergärten an. Seine Untersuchungen zeigten, dass die Demokratisierung hier noch nicht weit fortgeschritten war. Lehrer, Eltern und Erzieher benahmen sich gegenüber Kindern unhöflich, herablassend und demütigend, so sein Befund, der autoritäre Habitus lebte fort. Als wichtige Aufgabe junger Psychologen sah er es deshalb an, Lehrer und Erzieher in partnerschaftlichem Verhalten zu schulen. Der Optimismus seines Lehrers, dass Kontaktfähigkeit nicht etwas Gegebenes, sondern eine Errungenschaft ist, dass zwischenmenschliche Umgangsformen trainierbar sind, faszinierte Schulz von Thun: „Hier sah ich meine Chance – und ich griff zu.“
Er wurde Diplomand und Doktorand bei Tausch. Die Verständlichkeit schriftlicher Texte und ihre Trainierbarkeit war sein Fachgebiet. Er arbeitete aber auch ganz praktisch an einem Verhaltenstraining für Lehrer mit. Zusammen mit den beiden Assistenten Inghard Langer und Bernd Fittkau pilgerte er durch die Republik, um einen demokratischen Unterrichtsstil, Menschlichkeit und wohlwollende Beziehungen in Klassenzimmern zu fördern. Damals ganz neue Verfahren wie Rollenspiele und Videofeedback setzten sie dabei ein. „Wie drei Musketiere, die auszogen, die Welt zu verbessern, haben wir uns damals gefühlt“, beschreibt Langer, heute selbst Psychologieprofessor in Hamburg, die Stimmung unter den dreien.
Eines Tages meldete sich der Mineralölkonzern British Petroleum (BP) bei den umtriebigen Psychologen. Einige Fortbildungsmanager mit Gespür für den angebrochenen gesellschaftlichen Wandel hatten von Tauschs Arbeit gehört und fragten nun an: „Können Sie nicht ein ähnliches Training für unsere Führungskräfte machen, denn – unter uns gesagt – die verhalten sich auch oft herablassend, gering schätzend und bevormundend?“ Die Anfrage war eine Sensation und führte zu allerlei Diskussionen. Man musste damals nicht ultralinks stehen, um es verwerflich zu finden, dass Psychologen ihr Wissen Managern zur Verfügung stellen. Dennoch ließ sich das Team auf das Angebot ein. Anfangs gestaltete sich die Arbeit schwierig. Hier drei frisch gebackene Diplompsychologen von Mitte 20, die sich als Missionare der Demokratisierung fühlten, dort 16 altgediente BP-Direktoren, an Hierarchie und statusorientierte Autorität gewöhnt. Schon am ersten Kurstag kam es fast zum Eklat. Als Schulz von Thun bat, auf das Rauchen im Seminarraum zu verzichten, zündete sich einer der hochrangigen Teilnehmer demonstrativ einen Glimmstängel an.
Doch die Zusammenarbeit überstand alle Missverständnisse und Reibereien. Unter dem Titel „Klar und gewinnend kommunizieren“ fanden in den nächsten zwölf Jahren rund 50 mehrtägige Seminare mit Führungskräften von BP statt. In deren Rahmen hielt Schulz von Thun einen großen Kommunikationsvortrag, der von Seminar zu Seminar immer ausgefeilter und brillanter wurde, erinnert sich sein Kollege Langer. Schließlich gelang es ihm, seine Erkenntnisse in der Figur des Kommunikationsquadrates zu vereinigen und zu verdichten – ein Modell, das zugleich sehr einfach war und es doch in sich hatte. Mit ihm ließen sich alltägliche Kommunikationsprobleme unterschiedlichster Art anschaulich erklären und Ansätze für Lösungen aufzeigen. „Damals habe ich es nicht für eine große Sache gehalten“, sagt Schulz von Thun heute, „doch nachträglich gesehen begründete das Quadrat meine Identität als Kommunikationspsychologe. Es erlaubte mir, dem ganzen Thema einen persönlichen Stempel aufzudrücken.“
1976 wurde Schulz von Thun mit nur 32 Jahren zum Professor für Psychologie an der Universität Hamburg ernannt. Er gab immer noch Seminare bei BP; weitere Auftraggeber waren dazugekommen. Da wurde er von mehreren Kursteilnehmern auf Ruth Cohn aufmerksam gemacht. Die deutsch-jüdische Psychoanalytikerin und Begründerin der so genannten themenzentrierten Interaktion (TZI) war 1974 aus den USA zurückgekehrt und arbeitete nun als freie Trainerin in der Schweiz. Kurzentschlossen meldete er sich für einen 14-tägigen Kursus an.
Dort erwarteten ihn Enttäuschung und eine faszinierende Perspektive zugleich. Ruth Cohn leitete ihre Seminare ganz anders als er seine. Keine Vorträge, keine Übungen, kein fertiges Programm. Sie schaute sich die einzelnen Menschen an und arbeitete mit dem, was aus deren Innerem kam. Das war viel intensiver und aufregender als seine eigenen Kurse, stellte der junge Professor schmerzlich fest. Mit Cohns Hilfe machte er sich an die Erforschung und Entwicklung des eigenen Innenlebens – und setzte die neuen Erkenntnisse gleich in seinen Seminaren um. Was als Kommunikations- und Verhaltenstraining angefangen hatte, verwandelte sich nun mehr und mehr in eine Selbsterfahrungsgruppe. Wenn ein Vorgesetzter mit einem schwierigen Mitarbeiter nicht zurechtkam, musste er nun erst einmal herausfinden, was das mit ihm selbst zu tun hatte. „Zeitweise haben wir die Selbsterfahrung in unseren Seminaren wohl etwas übertrieben“, räumt Schulz von Thun heute ein. Der zuvor vergessene „innere“ Mensch war jetzt mit einem Mal überbetont, und manche Führungskraft verwahrte sich auch gegen den sanften Zwang zur Selbstentblößung.
Doch Schritt für Schritt gelang die Balance zwischen Gefühl und Verstand, zwischen Menschlichkeit und Professionalität. Heute hält Schulz von Thun Modelle und Theorien sogar für besonders wichtig, um verkopften Menschen – zu denen er vor allem Männer zählt – den Weg zu Selbsterfahrung und persönlicher Entwicklung zu erleichtern: „Wenn ich meinen Kursteilnehmern das Quadrat oder das Bild des inneren Teams erkläre, springt deren Verstand an; Unsicherheit und Abwehr schwinden. Dann riskieren sie nach und nach, die formale Struktur mit ihren eigenen Inhalten zu füllen.“ Die Verbindung von analytischem Denken und ganzheitlichem Fühlen herzustellen, darin sieht er sein eigentliches Talent: „Als Spätentwickler auf der Beziehungsebene, der ich selbst war, bin ich wohl prädestiniert, solche Brücken zu bauen. Ich kann mir eben genau vorstellen, wie es jemandem geht, dem enger sozialer Kontakt und die eigenen Gefühle dabei unangenehm und peinlich sind.“
Dass ihn das Thema ganz persönlich betrifft, ist auch in seinen Büchern deutlich spürbar. Sie sind anschaulich, persönlich und lebensnah. Das macht sie bei Praktikern und Laien so beliebt. Riesigen Erfolg in der akademischen Welt haben sie ihm allerdings nicht beschert. Seit nunmehr fast 30 Jahren hat er eine „kleine“ C2-Professur am Institut für Pädagogische Psychologie. In den 80er Jahren bewarb er sich drei- oder viermal auf C4-Stellen, die mehr Mittel und Renommee gebracht hätten – ohne Erfolg. „Ich habe schnell gemerkt, dass mein Name in der wissenschaftlichen Welt nicht viel zählt, so bekannt ich auch mittlerweile geworden war.“
Enttäuscht oder bitter sei er darüber nicht, versichert er, denn eine rein akademische Karriere habe er nie als Lebensziel angesehen. Dass sein Lehrstuhl seine Emeritierung wohl nicht überdauern wird, schmerzt ihn allerdings schon. Der Strukturplan der Universität sieht die Streichung in fünf Jahren vor. „Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird der Lehrstuhl dann dichtgemacht.“
Ganz überraschend ist die Zurückhaltung in der akademischen Welt nicht. Systematisch hat er sich von allem fern gehalten, was in Wissenschaftlerzirkeln Ruhm verspricht. „Den Ansprüchen der strengen wissenschaftlichen Forschung bin ich einiges schuldig geblieben“, räumt er ein, „aber andernfalls wäre ich wegen des Zwanges zur Komplexitätsreduzierung in der strengen empirischen Forschung in der praxisrelevanten Durchdringung der Materie nicht so weit gekommen wie jetzt.“ Sein alter Lehrer Reinhard Tausch sieht in dieser Entscheidung seinen großen Verdienst: „Er hat sich nicht ablenken lassen durch nebensächliche Forschungen, um Erfolg in der scientific community zu haben, sondern hat sich um die Entwicklung und Vermittlung seiner Erkenntnisse bei vielen Personen in der Bevölkerung bemüht.“
Anerkennung für seine praktische Arbeit, der Zuspruch der Studenten, die hohe Auflage seiner Bücher, das sind Erfolge, die ihm wichtig sind. Und sich als Mensch weiterentwickelt zu haben. Dazu gehört auch die späte Gründung einer eigenen Familie. Mit seiner zweiten Frau Ingrid hat er zwei Kinder, den 17-jährigen Felix und die 10-jährige Maxie. Dass er Vater ist, empfindet er immer noch als Sensation. Nach einer ersten kurzen gescheiterten Ehe hatte er dieses Thema für sich fast abgehakt. „Mit 40 hatte ich die Hoffnung aufgegeben, selbst mal Kinder zu haben.“ Die Psychologie habe ihm entscheidend geholfen, überhaupt erst mal gute und tragfähige Beziehungen entstehen zu lassen. „Sie glauben gar nicht, wie ich früher in schwierigen Beziehungsmomenten von Distanz und Unzufriedenheit mir einen Punkt auf dem Teppich gesucht habe, auf den ich stieren konnte, und verstummte.“ Das eigene Innere zu fühlen und sich zu trauen, darüber zu reden, seien für ihn auch im Privatleben wichtige Lektionen gewesen.
Doch manchmal mag auch er einfach nur noch den Mund halten. Nach einem anstrengenden Seminar, einer aufreibenden Vorlesungsreihe, intensiver Familienzeit zieht er sich gerne zurück. Dann fährt er in sein Ferienhaus in Plön. Keine Familie, keine Freunde, kein Telefon. Dann kann er nach Herzenslust schweigen, den eigenen Gedanken nachhängen, Eigenbrötler sein. „Denn eigentlich“, sagt Schulz von Thun und lacht dabei, „eigentlich bin ich immer noch ein Kommunikationsmuffel.“
© Psychologie Heute 2010
Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Psychologie Heute 1/2005, Seite 42 bis 47. Heft 1/05 bestellen
Fotos: Anja Lubitz
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Baltes: Nina Höffken
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