„Alles, was wir woll’n auf Erden – wir woll’n alle glücklich werden“, trällerte einst das Schlagersternchen Ramona. Und wer würde ihr nicht recht geben? Dass der Mensch nach Glück strebt, ist Common Sense bei Laien wie Experten. Doch ist das „hedonistische Prinzip“ – Lust maximieren, Unlust minimieren – tatsächlich zutreffend? Strebt wirklich eine jede und ein jeder stets danach, so froh wie nur irgend möglich zu sein?
Seit einiger Zeit zeichnet sich in der psychologischen Forschung ab, dass Menschen nicht gleichermaßen glücksbedürftig sind. Individuen sind psychisch verschieden, und sie bevorzugen offenbar Erfahrungen, die zu ihrem Naturell passen. Gesellige und gerne tonangebende Personen mit einem extravertierten Temperament scheinen sich besonders stark zu positiven Gemütszuständen hingezogen zu fühlen: Sie suchen und finden das Glück. Introvertierte Menschen hingegen mögen es nicht ganz so euphorisch. Manche Forscher sehen in einem sonnigen, optimistischen Gemüt inzwischen sogar die Kerneigenschaft des Persönlichkeitszugs Extraversion; die „typisch extravertierte“ Geselligkeit ist nach dieser Theorie bloß soziales Mittel zum hedonistischen Zweck.
Die amerikanische Psychologin Maya Tamir vom Boston College hat diese These nun in einer Reihe von Experimenten weiter zugespitzt. Demnach streben Extravertierte nicht ständig und überall stärker nach Glück als Introvertierte, sondern dieser Unterschied tritt vor allem in ganz bestimmten Situationen zutage: Immer dann, wenn den Betreffenden eine Leistung abverlangt wird, für die es sich „auf Zack“ zu bringen gilt, trachten Extravertierte danach, sich möglichst gut gelaunt und aufgekratzt zu fühlen. Introvertierte hingegen neigen in Leistungssituationen dazu, ihre Laune zu dämpfen; sie bevorzugen dann eine nicht ganz so positive, sondern eher neutrale Gemütsverfassung.
Tamirs Versuchspersonen waren jeweils Studentinnen und Studenten der unteren Semester. Das erste Experiment spielte sich allein in der Vorstellung ab: Die Teilnehmer wurden gebeten, sich selbst in verschiedene Alltagssituationen hineinzudenken. Für jede dieser Situationen sollten sie auf einer Skala ankreuzen: erstens wie glücklich und zweitens wie besorgt sie sich bei diesen Tätigkeiten idealerweise fühlen würden. Zu bewerten waren einerseits neutrale Beschäftigungen wie Fernsehen gucken, Geschirr spülen oder mit Freunden ausgehen oder aber leistungsbezogene Aufgaben wie einen Test machen, vor Publikum reden oder an einer Diskussionsrunde teilnehmen.
Die Auswertung bestätigte zunächst – wenig verwunderlich –, dass alle Teilnehmer, auch die introvertierten, sich grundsätzlich lieber glücklich als besorgt fühlten. In den freien, wenig leistungsbezogenen Situationen wie etwa beim Aufräumen der Wohnung oder beim Besuch eines Fußballspiels strebten extravertierte und introvertierte Teilnehmer in etwa dasselbe Glückslevel an. Deutliche Unterschiede zeigten sich hingegen in den Leistungssituationen: Inmitten des Stresses und der Herausforderung, sich selbst unter Beweis stellen zu müssen, strebten Extravertierte ein signifikant höheres inneres Wohlfühlniveau an als Introvertierte.
In der zweiten Studie – mit anderen Teilnehmern – wurde die Versuchsleiterin konkreter: Diesmal sollten sich die Studentinnen und Studenten die Tätigkeiten nicht bloß hypothetisch vorstellen. Vielmehr wurde der Hälfte der Probanden gesagt, sie sollten in zehn Minuten eine kleine improvisierte Rede halten, das Thema werde dann noch bekanntgegeben. Der anderen Hälfte wurde stattdessen angekündigt, dass sie in zehn Minuten ausgiebig Gelegenheit zum Musikhören haben würden.
Unter dem Vorwand, bei der Studie werde der Zusammenhang von „Gedächtnis und Aufgabenbewältigung“ erforscht, wurden die Teilnehmer gebeten, während der Wartezeit ihre Gedanken zu einem Erlebnis aus ihrer Vergangenheit aufzuschreiben. Wiederum wurde ihnen eine Liste mit Erlebnissen vorgelegt, und sie sollten jeweils auf einer Skala ankreuzen, wie gerne sie nun in der verbleibenden Zeit bis zur Aufgabe dieser Erinnerung nachgehen würden. Die Liste umfasste je zur Hälfte glückliche und sorgenvolle Erinnerungen an Erlebnisse mit Freunden, der Familie oder aus der Schulzeit.
Es stellte sich heraus, dass extravertierte Teilnehmer in stärkerem Maße als introvertierte eine Vorliebe für glückliche Erinnerungen hegten. Und wiederum war dieser Unterschied dann besonders ausgeprägt, wenn die Teilnehmer sich in Erwartung einer Leistungssituation wähnten. Wenn sie meinten, gleich eine Rede halten zu müssen, mochten Introvertierte nicht so euphorische Erinnerungen hervorkramen, wie wenn sie einen entspannten Musikgenuss erwarteten. Extravertierte hingegen bevorzugten in beiden Situationen stark positive Erinnerungen.
In einer dritten Studie variierte Maya Tamir den Versuchsablauf und stellte dabei fest, dass es ganz bestimmte Erinnerungen und Erlebnisinhalte waren, die Extravertierte in Erwartung einer Leistungssituation anziehen, nämlich „die spezifische Kombination aus hoher Aktivierung und positiven Emotionen“. Die Forscherin vermutet, dass extravertierte Menschen ihre Stimmung gezielt nach oben regulieren, sobald sie sich in einer Situation wähnen, die ihnen Engagement und Leistungsvermögen abverlangt. Introvertierte hingegen regulieren ihre Stimmung dann eher herunter.
Diese Eigenmanipulationen an ihrem Gemütsleben scheinen den Betreffenden nicht einmal bewusst zu sein. Als die Versuchsleiterin nachfragte, was ihnen denn bei der Auswahl ihrer Erinnerungen durch den Kopf gegangen sei und warum sie jetzt gerade über diese und nicht über irgendeine andere Erinnerung nachdenken wollten, erhielt sie Antworten wie: „Das war halt das Erste, was mir in den Sinn kam“ oder „Über Erinnerungen an die Schulzeit lässt sich nun mal mehr schreiben“.
Woher rührt die gegensätzliche Stimmungsregulation von Extravertierten und Introvertierten? Maya Tamir vermutet, dass die beiden Temperamente eine genetische Basis haben. Seit kurzem ist bekannt, dass sich Extravertierte und Introvertierte in der Aktivität eines bestimmten Gens unterscheiden, nämlich des „Dopamin-D4-Rezeptor-Gens“. Diese Unterschiede tragen offenbar dazu bei, dass Extravertierte besonders sensibel auf Belohnungen reagieren und auf der Suche nach dem Kick des Erfolgs noch stärker als Introvertierte aufputschende positive Gefühlszustände anstreben. Dabei unterdrücken sie demotivierende Emotionen von Angst und Vorsicht. Wenn es drauf ankommt, trauen sich Extravertierte daher mehr zu als Introvertierte – sind dabei aber auch leichtsinniger.
Als Nächstes möchte Maya Tamir die Folgen dieser unterschiedlichen Gefühlssteuerung studieren. Fahren Extravertierte mit ihrem optimistischen Aufputschen besser oder Introvertierte mit ihrer Euphoriebremse? Oder erzielen sie beide die für sie besten Resultate mit eben jener Strategie, die ihrem Temperament entspricht?