Wenn man sagt, der Politiker Meier oder die Nachbarin Schulz sei „sauber“, dann kann das bedeuten: Er und sie sind moralisch unbescholten. Dass wir physische Reinlichkeit sprachlich mit ethischer Tugendhaftigkeit assoziieren, kommt nicht von ungefähr. Denn auch in unserem Geist sind Moral und Hygiene auf unbewusster Ebene eng miteinander verflochten, wie psychologische Experimente belegt haben. Zum Beispiel zeigte sich, dass wir nach Verfehlungen tatsächlich das Bedürfnis haben, uns körperlich zu säubern. Ein Forschungsteam um Katie Liljenquist von der Brigham Young University in Utah hat nun nachgewiesen, dass sich Menschen unbewusst fairer, großzügiger und hilfsbereiter verhalten, wenn ihre Umgebung „sauber“ riecht.
Liljenquist und ihre Mitforscher Chen-Bo Zhong und Adam Galinsky verwendeten dazu einen simplen Versuchsaufbau: Sie gaben ihren Probanden jeweils dieselben Aufgaben – bloß saßen manche von ihnen dabei in einem Raum, in dem die Forscher ein paar Zitrusspritzer eines Fensterputzmittels versprüht hatten. Die anderen waren in einem geruchsneutralen Raum.
Die Forscher stellten in einer Nachbefragung sicher, dass die Teilnehmer den „Geruch der Tugend“ – so der Titel der Studie – nicht bewusst wahrgenommen hatten. Wie sich zeigte, beeinflusste der Duft nach Sauberkeit gleichwohl massiv das moralische Verhalten der Probanden.
Im ersten Experiment stand die Fairness der Versuchsteilnehmer auf dem Prüfstand. Jedem wurden zwölf Dollar an echtem Geld ausgehändigt, die er nun nach eigenem Ermessen mit seinem anonymen (und in Wirklichkeit fiktiven) Versuchspartner im Nebenraum teilen sollte. Und siehe da: Die Probanden teilten den Betrag weitaus großzügiger und fairer auf, wenn sie den Duft aseptischer Frische in der Nase hatten: Die Sauberriecher spendierten ihrem Partner 5,33 Dollar, die Unbedufteten bloß 2,81 Dollar.
Im zweiten Versuch stand die Bereitschaft zu gemeinnützigem Handeln im Fokus. Die Teilnehmer wurden gefragt, ob sie der gemeinnützigen Organisation Habitat for Humanity, die Menschen in prekären Wohnverhältnissen hilft, mit Tat und Spenden unterstützen möchten. Roch es in dem Befragungsraum nach Fensterspray, bekundeten die Probanden auf einer Skala deutlich stärkeres Interesse, sich ehrenamtlich einzubringen. Auch waren unter dem Einfluss des Reinlichkeitsgeruchs 22 Prozent bereit, für den guten Zweck etwas zu spenden, während sich bei den anderen nur sechs Prozent dazu aufrafften.
Katie Liljenquist sieht in dem Versprühen von sauberkeitsassoziierten Duftstoffen einen „sehr einfachen und unaufdringlichen Weg, ethisches Verhalten zu fördern“. So könnten sich etwa Firmen und Einzelhandelsgeschäfte dieses simplen Tricks bedienen, statt ihre Beschäftigten und Kunden mit aufwändigen und fragwürdigen Methoden zu überwachen. Und wer weiß, so ergänzt die Forscherin, vielleicht könne es ja von doppeltem Nutzen sein, wenn man Kinder auffordert, ihr Zimmer sauber zu halten.
Als Nächstes untersucht Liljenquist nun, wie Reinlichkeitssignale unsere Beurteilung von Personen und Organisationen beeinflussen. Es hat schon seinen Grund, dass man die Wohnung auf Hochglanz bringt, wenn man Gäste empfängt – schließlich sollen sie „einen guten Eindruck“ gewinnen.