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Die Grundachsen der Persönlichkeit

Menschen sind einzigartig, keiner wie der andere, jeder für sich eine unverwechselbare Persönlichkeit. Doch die Verschiedenheit ist nicht beliebig, sie folgt Mustern. Psychologen sind in den vergangenen Jahrzehnten übereingekommen, die Persönlichkeit auf fünf übergeordneten Eigenschaftsskalen zu vermessen, die einen Großteil der individuellen Unterschiede abdecken: den „Big Five“. Demnach unterscheiden sich Menschen vor allem darin, wie extravertiert oder introvertiert, wie „neurotisch“ oder emotional ausgeglichen, wie verträglich, wie gewissenhaft und wie offen für Neues sie sind.

Die Big Five bilden so etwas wie ein Koordinatensystem zur Klassifikation der Persönlichkeit. Doch wie sich in jüngster Zeit herausstellte, sind auch diese fünf Grundachsen nicht der Abstraktion letzter Schluss. Forscher haben demonstriert, dass sich die Big Five auf einer noch umfassenderen Beschreibungsebene auf nur zwei gigantischen „Metazügen“ der Persönlichkeit abbilden lassen: Stabilität und Plastizität.

Was Menschen „im Innersten“ charakterisiert, ist erstens das Ausmaß, in dem sie dazu neigen, sich im Vertrauten zu arrangieren und potenziellen Gefahren aus dem Wege zu gehen. „Stabilität“ haben die Forscher diesen Persönlichkeitszug getauft, der die Big-Five-Züge emotionale Ausgeglichenheit, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit in sich vereint. Die zweite der beiden Megaachsen der Persönlichkeit nennt sich „Plastizität“. Sie setzt sich aus den Skalen Extraversion und Offenheit für Neues zusammen und beschreibt den Grad der Bereitschaft eines Menschen, ungewohnte Wege zu beschreiten und dabei auch Risiken einzugehen.

Spannenderweise können diese beiden Grunddimensionen menschlicher Persönlichkeit mit einiger Plausibilität zwei grundlegenden Schaltkreisen des Gehirns zugeordnet werden. Der eine arbeitet mit dem Botenstoffe Serotonin, der andere mit Dopamin.

Das Merkmal „Stabilität“, so wird vermutet, ist Ausdruck einer hohen Betriebsamkeit des Serotoninsystems. Dieses System zielt darauf, das Innenleben stabil zu halten. Es sorgt für eine ausgeglichene, behagliche Stimmung, indem es Wut und andere negative Emotionen, aber auch Eskapaden im Verhalten eindämmt. Das Serotoninsystem steht für Selbst- und Impulskontrolle, für Freundlichkeit und Kompromissbereitschaft, für Wohlgeordnetheit und das heimelige Wohlfühlen im Vertrauten, in etwa nach dem Adenauer-Motto: keine Aufregung, keine Auswüchse, keine Experimente!

Das Merkmal „Plastizität“ hingegen könnte die Aktivität eines anderen Hirnschaltkreises spiegeln, der den Überträgerstoff Dopamin einsetzt. Dieses „Belohnungssystem“ steuert das Erkundungs- und Annäherungsverhalten, die Suche nach aufregenden „Kicks“. Es sorgt dafür, dass der Mensch in seiner Umgebung nach Anregungen Ausschau hält, nach Partys, Flirts, Sex und Abenteuer, aber auch nach Musik und Kunst, interessanten Gesprächen und Vorträgen. Es repräsentiert den Wunsch, den eigenen Erfahrungsschatz durch neue Erkenntnisse und Anstöße von außen zu erweitern. Es kurbelt die Assoziationen an, macht das Denken breiter und kreativer – aber nicht unbedingt sorgfältiger.

Bislang ist die Theorie, dass zwei grundlegende Motivationssysteme des Gehirns sich auf diese Weise in der Persönlichkeit spiegeln, noch relativ spekulativ. Erhärtet wird sie nun aber von einer neuen Studie: Einem Team von Persönlichkeitsforschern der Universitäten von Toronto und Minnesota gelang der Nachweis, dass sich die Metaeigenschaften „Plastizität“ und „Stabilität“ auf charakteristische Weise im Verhalten niederschlagen: Plastizität, also der Erkundungsdrang, kurbelt vielerlei Verhalten an; Stabilität, also das Einrichten im Vertrauten, wirkt hingegen verhaltenshemmend.

Dies schlussfolgern Jacob Hirsch, Colin DeYoung und Jordan Peterson aus der Befragung von 186 Frauen und 121 Männern aller Alters- und Bildungsschichten. Neben Persönlichkeitsfragebögen wurde den Teilnehmern unter anderem eine lange Liste mit 400 Verhaltensweisen vorgelegt, zum Beispiel „Fütterte einen streunenden Hund“ oder „Stellte bei einem Vortrag Fragen“. Die Versuchspersonen mussten jeweils angeben, wie häufig oder selten sie sich im letzten Jahr so verhalten hatten. Um die Antworten abzusichern, wurden zusätzlich auch jeweils drei den Teilnehmern nahestehende Personen befragt.

Wie sich herausstellte, hing das Merkmal Plastizität erkennbar mit dem Ausführen und das Merkmal Stabilität mit dem Vermeiden bestimmter Verhaltensweisen zusammen.

Menschen mit hohen Werten auf der Grundachse „Plastizität“ zeichneten sich durch Tatendrang, Geselligkeit und Begeisterungsfähigkeit aus. Sie liebten es, eine Party vorzubereiten, erzählten gerne Witze und spielten den Alleinunterhalter, wurden von ihren Freunden aber auch oft als Seelentröster konsultiert, schrieben gerne Liebesbriefe, besuchten oft Vorträge, gingen gerne aus, sangen unter der Dusche oder im Auto – konnten aber auch Stunden mit Tagträumereien verbringen. Menschen von hoher Plastizität hatten: Wärme und Humor, viele Dates – auch erotischer Natur –, Reisen und Vergnügungen. Sie hatten aber auch – Preis der Zügellosigkeit – mehr Diäten und Alkoholsorgen.

Menschen mit einer hohen Ausprägung des Basismerkmals „Stabilität“ fielen weniger durch ein bestimmtes Verhalten als durch das Vermeiden von Verhaltensweisen auf. Vor allem vermieden sie Risiken und Unbeherrschtheiten. Sie waren vorsichtig im Umgang mit Alkohol und anderen Drogen, schafften sich kein Motorrad an, machten keine Schulden, verloren selten die Fassung, bei einem Streit schrien sie den anderen nicht an und knallten nicht den Telefonhörer auf. Sie versagten sich allerdings auch charmante Überschwänglichkeiten wie eine durchtanzte Nacht oder ein Frühstück im Bett. Für ihre Abgeklärtheit wurden sie mit einem ruhigeren Schlaf und seltenen Albträumen belohnt. Menschen von hoher Stabilität hatten im Leben: weniger Ärger, weniger Nervosität und Gereiztheit, weniger Übergewicht, aber auch: weniger Sex, weniger Scherze und Heiterkeit.

Bei dieser Aufzählung kann man den Eindruck gewinnen, Stabilität und Plastizität seien Gegensätze. Das trifft aber nicht zu, denn die beiden Achsen sind unabhängig voneinander. Es kommt also vor, dass eine lebhafte Person, die ihre Zeit gerne mit anderen verbringt und Anregungen sucht, gleichzeitig ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit und Behaglichkeit hat. Man kann sich leicht ausmalen, dass dieser Widerstreit der Bedürfnisse innere Konflikte heraufbeschwört.

Dass sich die Verschiedenheit von Menschen auf den beiden Grundachsen Stabilität und Plastizität abbilden lässt, ist unter Persönlichkeitsforschern inzwischen eine anerkannte Tatsache. Allerdings erklärt ein so spartanisches Koordinatensystem nur einen Bruchteil der bunten Vielfalt der Persönlichkeiten. Denn es stimmt schon: Jeder Mensch ist einzigartig. Je gröber das Raster, in das man ihn steckt, desto weniger wird es all den vielen Facetten und Widersprüchen seines Wesens gerecht.

Von Thomas Saum-Aldehoff
25. September 2009
Quelle: Jacob B. Hirsh, Colin G. Young, Jordan B. Peterson: Metatraits of the Big Five differentially predict engagement and restraint of behavior. Journal of Personality, 77/4, 2009

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