Menschen scheinen einen inneren Sollwert an Tugendhaftigkeit zu haben: Jemand, der sich durch gute Taten in einem Bereich moralisch vorbildlich verhalten hat, gleicht dies durch egoistisches Handeln in einem anderen Bereich wieder aus. Umgekehrt fühlt ein Mensch, der sich von seiner rücksichtslosen Seite gezeigt hat, den Drang, dies durch altruistisches Verhalten wieder wettzumachen.
Dies hat ein Psychologenteam rund um Douglas Medin von der Northwestern University im US-Bundesstaat Illinois in einer Reihe von Studien herausgefunden. In allen drei Experimenten sollten die Teilnehmer kurze Aufsätze über sich selbst schreiben. Die Hälfte der Probanden sollte dabei positive Begriffe wie freundlich, fürsorglich, liebevoll und großzügig verwenden, die andere Hälfte negative Wörter wie selbstsüchtig, unehrlich und grausam. Dadurch wollten die Forscher das Selbstwertgefühl ihrer Versuchspersonen manipulieren: Ähnlich wie eine gute Tat sollte die positive Selbstbeschreibung einen aufbauenden Effekt haben, wogegen der negative Text die Selbstachtung schmälern sollte.
Nach dem Schreiben der Aufsätze bekamen die Probanden Gelegenheit, bis zu zehn Dollar an eine wohltätige Organisation zu spenden. Und hier zeigten sich deutliche Unterschiede: Wer sich selbst negativ dargestellt hatte, spendete im Schnitt fünfmal so viel wie jemand, der sich positiv beschrieben hatte, nämlich fünf Dollar im Vergleich zu einem.
Um diesen Effekt genauer zu studieren, gaben die Psychologen im zweiten Experiment der Hälfte ihrer Versuchspersonen die Aufgabe, nicht über sich selbst, sondern über eine andere Person zu schreiben. Dies ließ das innere Tugendzentrum kalt – die Teilnehmer der positiven und negativen Bedingung spendeten ungefähr gleich viel.
Ganz anders im dritten Experiment, in dem die Probanden sich anstelle einer Spende für oder gegen Umweltschutzmaßnahmen entscheiden sollten: In einem Rollenspiel mussten sie in der Funktion des Managers darüber bestimmen, wie häufig sie einen teuren Filter am Schornstein ihrer Fabrik zum Einsatz bringen wollen. Alle anderen Manager in ihrer Branche würden diesen Filter in 60 Prozent der Zeit nutzen, sagten die Forscher ihnen.
Das Ergebnis: Diejenigen, die sich in ihrem Aufsatz negativ dargestellt hatten, ließen den Filter in 73 Prozent der Zeit laufen; diejenigen, die sich positiv beschrieben hatten, hingegen nur in 55 Prozent der Zeit.
Durch diese Ergebnisse sehen die Psychologen ihre Hypothese bestätigt, dass Menschen instinktiv Abweichungen von ihrem idealen Level des moralischen Selbstwertgefühls ausgleichen – sowohl nach oben als auch nach unten.
Warum das so ist, darüber können die Forscher bislang nur spekulieren. Sie gehen aber davon aus, dass altruistisches und moralisch korrektes Verhalten einer gewissen Anstrengung bedürfen – und wer sich bereits von seiner besten Seite gezeigt hat, der bringt vielleicht nicht mehr genug Motivation für weitere gute Taten auf.