Der Tod des Vaters, der Mutter oder von Geschwistern, der Verlust von Heimat, Sicherheit, Geborgenheit sowie Bombardierungen und andere Gewalterfahrungen – die häufig zurückgedrängten Erlebnisse aus der Kindheit können im Alter wieder hochkommen. Lange blieben die schrecklichen Erfahrungen, das erlebte Entsetzen und die Todesangst unter einer Decke, denn die Kinder mussten – in der Regel seelisch allein gelassen – nach dem Krieg funktionieren.
„Die Abhängigkeit bei der Körperpflege kann die schlimmen Kriegserinnerungen wachrufen, durch den Kontrollverlust wird die massive Hilflosigkeit von damals wiedererlebt“, berichtet Insa Fooken, Psychologin an der Universität Siegen und Sprecherin der Forschungsgruppe „Kinder des Weltkrieges“. Bei einem Umzug in eine Pflegeeinrichtung kommt hinzu, dass den alten Menschen das soziale und persönliche Umfeld wegbricht, vielleicht ist erst kürzlich der Lebenspartner gestorben. „Insbesondere wenn die Menschen dann noch demenzerkrankt sind, können die alten Affekte ungehindert durchbrechen“, so Fooken.
Psychologen sprechen von einer Reaktivierung der traumatisierenden Erfahrungen oder einer Retraumatisierung, die durch die Pflegebedürftigkeit an sich, durch bestimmte Pflegesituationen und -handlungen ausgelöst werden kann. Eine Untersuchung bei Klienten eines ambulanten Pflegedienstes in Hamburg, die im Mittel 81 Jahre alt waren, hat ergeben: 65 Prozent der alten Menschen litten unter plötzlich und unwillentlich auftauchenden Erinnerungsfragmenten, die häufig mit traumatischen Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs assoziiert waren, bei 11 Prozent bestand eine voll ausgeprägte, bei weiteren 32 Prozent eine partielle posttraumatische Belastungsstörung.
Mehr zum Umgang mit kriegstraumatisierten Menschen in der Altenpflege in der Februarausgabe von Psychologie Heute.