www.psychologie-heute.de | Gesundheit & Psyche in Heft 2/09
GESUNDHEIT & PSYCHE HEFT 2/09

Das Grauen kehrt zurück

Im hohen Alter drängen Erinnerungen an die Schrecken der Kriegszeit häufig wieder hoch

Ein 78-jähriger Bewohner eines Altenheims leidet unter massiven Ein- und Durchschlafstörungen. Er hat Angst, überhaupt einzuschlafen, nachts wacht er immer wieder auf und schreit vor Angst. Er erzählt von Albträumen, in denen sich die schrecklichen Bombennächte von Dresden wiederholen, die er als Kind im Februar 1945 erlebte. – Ein Pfleger berührt eine 80-jährige Dame leicht am Arm, sie brüllt: „Hau ab, du Russenschwein!“ – Ein 85-jähriger Mann erzählt pausenlos und ständig sich wiederholend von seinen Kriegserlebnissen, von der Einkesselung seiner Einheit und langen Rückzugsgefechten. Seine Schilderung ist wie eine Schallplatte mit Sprung: An einer bestimmten Stelle hört er immer wieder auf und fängt wieder von vorn an. Wie er selbst die furchtbaren Erlebnisse empfunden hat, davon berichtet er nie.

Der Tod des Vaters, der Mutter oder von Geschwistern, der Verlust von Heimat, Sicherheit, Geborgenheit sowie Bombardierungen und andere Gewalterfahrungen – die häufig zurückgedrängten Erlebnisse aus der Kindheit können im Alter wieder hochkommen. Lange blieben die schrecklichen Erfahrungen, das erlebte Entsetzen und die Todesangst unter einer Decke, denn die Kinder mussten – in der Regel seelisch allein gelassen – nach dem Krieg funktionieren.

„Die Abhängigkeit bei der Körperpflege kann die schlimmen Kriegserinnerungen wachrufen, durch den Kontrollverlust wird die massive Hilflosigkeit von damals wiedererlebt“, berichtet Insa Fooken, Psychologin an der Universität Siegen und Sprecherin der Forschungsgruppe „Kinder des Weltkrieges“. Bei einem Umzug in eine Pflegeeinrichtung kommt hinzu, dass den alten Menschen das soziale und persönliche Umfeld wegbricht, vielleicht ist erst kürzlich der Lebenspartner gestorben. „Insbesondere wenn die Menschen dann noch demenzerkrankt sind, können die alten Affekte ungehindert durchbrechen“, so Fooken.

Psychologen sprechen von einer Reaktivierung der traumatisierenden Erfahrungen oder einer Retraumatisierung, die durch die Pflegebedürftigkeit an sich, durch bestimmte Pflegesituationen und -handlungen ausgelöst werden kann. Eine Untersuchung bei Klienten eines ambulanten Pflegedienstes in Hamburg, die im Mittel 81 Jahre alt waren, hat ergeben: 65 Prozent der alten Menschen litten unter plötzlich und unwillentlich auftauchenden Erinnerungsfragmenten, die häufig mit traumatischen Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs assoziiert waren, bei 11 Prozent bestand eine voll ausgeprägte, bei weiteren 32 Prozent eine partielle posttraumatische Belastungsstörung.

Mehr zum Umgang mit kriegstraumatisierten Menschen in der Altenpflege in der Februarausgabe von Psychologie Heute.

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