Ein Arzt der Berliner Charité, der hier anonym bleiben soll, spricht von einem „Grabenkampf“. Pflegende ließen die Ärzte regelrecht auflaufen, kritisiert er. „Wenn ich eine Pflegekraft bitte, mir beispielsweise beim Verbandwechsel zur Hand zu gehen, heißt es immer: ‚Jetzt habe ich keine Zeit.’ Oder: ‚Das ist nicht meine Aufgabe.‘“ Letztlich mache er alles selbst. Natürlich kenne er auch Pflegende, die ihm gerne zur Seite stehen, doch das sei die Ausnahme.
„Uns werden immer mehr Aufgaben in die Schuhe geschoben“, ärgert sich dagegen eine Pflegerin, die lange in einer Leitungsposition gearbeitet hat. „Wie Sekretärinnen sollen wir zum Beispiel Befunde abheften, die die Ärzte haben liegen lassen, oder auf Zuruf – ohne schriftliche Anordnung – Medikamente spritzen.“ Kommentarlos würden alle möglichen Tätigkeiten von den Ärzten an die Pflegenden weitergereicht.
„In vielen Häusern sind die Zuständigkeiten an den Schnittstellen nicht geklärt und sorgen für Dauerkonflikte“, bestätigt auch Karin Rausch, Wirtschaftspsychologin an der Fachhochschule Osnabrück. Den Verbandwagen packen und wieder auffüllen, Akten zu einer anderen Station bringen, Aufklärung der Patienten über Stationsverhältnisse – solche Aufgaben werden hin- und hergeschoben. Selbst die Frage, wer die Kaffeetassen in die Spülmaschine räumt, kann zum Zündstoff werden.
Statt klarer Absprachen ist die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Pflegenden oft durch informelle Arrangements gekennzeichnet – nach dem Motto: „Schwester, können Sie das heute mal übernehmen?“ Reibereien verschärfen sich durch den enormen Zeitdruck auf den Stationen, dem sowohl Ärzte wie Pflegende ausgesetzt sind.
Mehr zum „Grabenkampf in Weiß“ und zum gewachsenen Selbstbewusstsein von Pflegekräften in der Augustausgabe von Psychologie Heute.