www.psychologie-heute.de | Gesundheit & Psyche in Heft 4/08
GESUNDHEIT & PSYCHE HEFT 4/08

Ökokost-Junkies

„Orthorexia nervosa“ – die zwanghafte Fixierung auf gesunde Ernährung

Gemüse, das vor mehr als einer Viertelstunde geerntet wurde, war für Steven Bratman tabu. Der strenge Vegetarier aß zwei Jahre lang ausschließlich Biolebensmittel, kaute jeden Bissen 50 Mal und achtete darauf, dass sein Magen bei jeder Mahlzeit nur zum Teil gefüllt war. Alle Lebensmittel mussten absolut frei von Tierischem, Fett und Chemikalien sein. Menschen, die Schokoladenkekse und Pommes frites „in sich hineinstopfen“, waren für Bratman „bloße Tiere“. Als der amerikanische Mediziner Ende der 1990er Jahre wieder zu einer normalen Ernährung zurückgefunden hatte, gab er seiner Fixierung auf gesunde Lebensmittel einen Namen: Orthorexia nervosa.

Ortho heißt „richtig“, orexis bezieht sich auf den Appetit. Anders als bei Anorexia nervosa (Magersucht) oder Bulimia nervosa (Ess- und Brechsucht) steht nicht die Quantität, sondern die Qualität der Nahrung im Vordergrund. Menschen wie Bratman denken stundenlang über gesunde Ernährung nach, meiden plötzlich ihre Lieblingsspeisen, weil sie meinen, sie seien ungesund, und erstellen für mehrere Tage im Voraus Speisepläne. Einladungen zum Essen oder Restaurantbesuche werden zum Problem.

Ähnlich wie Magersüchtige isolieren sich die Betroffenen zunehmend von ihrer Umwelt. „Die Menschen sind sehr auf das Thema gesunde Ernährung festgelegt und nehmen am Gesellschaftsleben nicht mehr richtig teil“, erklärt Maria Grill, Oberärztin an der Seepark-Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Bad Bodenteich. „Das Thema verselbständigt sich, die Gedanken kreisen nur noch um das Essen. Dadurch wird die Lebensqualität stark eingeschränkt.“

Typisch für die Orthorexie ist eine ritualhafte Beschäftigung mit gesunden Lebensmitteln. Es bleibt nicht dabei, dass Menschen Vollwertkost essen, in Bioläden einkaufen und Lebensmittel mit künstlichen Zusatzstoffen meiden – sie sind von vermeintlich gesunder Ernährung regelrecht besessen. Lesen Sie mehr zur zwanghaften Beschäftigung mit „korrekter“ Ernährung – in der Aprilausgabe von Psychologie Heute.

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