Das Leben ist eine Serie von Entscheidungen, wichtigen und weniger wichtigen. An die Schirmfrage werden wir nicht allzu intensive Überlegungen verschwenden. Aber sie zeigt, wie kompliziert selbst banale Entscheidungen sein können – zumal wenn Unsicherheit im Spiel ist. Deutlich nachdenklicher werden wir, wenn es etwa um die Impfung gegen die Schweinegrippe geht. Oder wenn wir erwägen, vielleicht doch noch mal in Aktien zu investieren.
Der „erwartete Nutzen“ einer Entscheidung sei unser vorrangiges Kriterium, meinte der Schweizer Mathematiker Daniel Bernoulli. Er erfand 1738 eine elegante Formel, um diesen Nutzen zu errechnen. Der Haken daran ist, dass in die Formel möglichst viele Informationen einfließen müssen. In der Schirmfrage würde beispielsweise ein Wetterbericht, der die Regenwahrscheinlichkeit mit 60 Prozent angibt, den Ausschlag geben für „Schirm mitnehmen!“.
Wesentlich realitätsnäher ist die Theorie der „begrenzten Rationalität“ des Nobelpreisträgers für Wirtschaftswissenschaften 1978, Herbert Simon. Sie besagt, dass in den meisten Entscheidungssituationen ein vollständig rationales Verhalten unmöglich ist – und dass es auch wenig sinnvoll ist, danach zu streben. Einer ideal-vernünftigen Entscheidung sind Grenzen gesetzt: durch Zeitmangel oder durch den Aufwand, den wir für die Informationsbeschaffung betreiben müssten. Hinzu kommen die vielen „eingebauten“ Denkfehler des menschlichen Gehirns – zum Beispiel Vorurteile oder die weitverbreitete Unfähigkeit, eine Statistik richtig zu interpretieren.
Es kommt also darauf an, so Simon, das Abwägen und Informieren irgendwann abzubrechen und eine Entscheidung zu treffen, mit deren Folgen man vermutlich leben kann, weil sie gut genug ist. Aber im Zeitalter der digitalen Medien ist es offenbar schwerer geworden, diesen Punkt zu bestimmen. Der neue Informationsüberfluss trägt von vornherein mehr zur Verwirrung bei als zu vernünftigeren Entscheidungen. Und das Impfbeispiel zeigt, wie sehr wir davon abhängig sind, wer uns wann welche Informationen präsentiert – oder vorenthält. Bei vielen Risiken und Nebenwirkungen des modernen Lebens können wir eben nicht den Arzt oder Apotheker oder gar den Bankberater oder andere „Experten“ fragen. Die wissen es nämlich auch nicht so genau.
Und so wursteln wir uns durch. Unsere Kanzlerin lebt uns diesen Entscheidungsstil vor, und überhaupt hat die aktuelle Regierung ihre notorische Unentschiedenheit zur Regel erhoben: Im Nebel des Nichtwissens ist es ratsam, „auf Sicht zu fahren“.
So werden wir allmählich alle zu Entscheidungsscheuen, zu Unentschiedenen, vor allem aus dem Wunsch heraus, Fehler zu vermeiden. In dieser Lage kommt uns die Wiederentdeckung der Intuition gerade recht. Schon Sigmund Freud hat erkannt: „Wenn ich eine unwichtige Entscheidung treffen muss, halte ich es für sinnvoll, alle Vor- und Nachteile abzuwägen. Bei sehr wichtigen Entscheidungen jedoch muss die Entscheidung aus dem Unbewussten kommen, aus etwas in uns selbst.“
Dieses unbewusste Etwas war lange Zeit ein Synonym für Intuition, für jene geradezu geheimnisvolle Gabe, fast instinktiv das Richtige zu tun. Intuition ist für die heutigen Kognitionspsychologen „implizites Wissen“: die Sedimente unzähliger Erfahrungswerte und Informationspartikel, von deren Existenz wir bis dahin nichts wussten. Sie melden sich in kritischen Situationen als das berühmte „Bauchgefühl“, das wiederum nur der körperliche „Marker“ für das verborgene Wissen ist. Wenn wir es gebührend zur Kenntnis nehmen, kann es nach Abwägung aller vernünftigen Pros und Kontras den Ausschlag geben.
Kleine Entscheidungshilfe zum Schluss: Lesen Sie unbedingt den Artikel auf Seite 20!