Die Affekte, so sagen uns die Hirnforscher und manche Modephilosophen, sind nun mal das Primäre. Der Mensch lebt, entscheidet und handelt aus seinen Gefühlen heraus, und das heißt: vorbewusst und unbehelligt vom Verstand. Der rechtfertigt erst hinterher die Ergebnisse und tut so, als habe er alles so gewollt. Der freie Wille ist nichts als eine Illusion, meinen die Hardcore-Hirnausleuchter. Der Streit um den Vorrang von Denken oder Fühlen in der menschlichen Natur ist nur eine Neuauflage jahrhundertealter Kontroversen. Für Descartes war „Ich denke, also bin ich“ das Wesen des Ich, während Idealismuskritiker wie etwa Ludwig Feuerbach das eigentliche Wesen des Menschen darin sahen: „Ich fühle, also bin ich!“ Diese radikale Position haben heute die Hirnforscher übernommen. Immerhin rückt ein renommierter Vertreter dieser Disziplin, Gerhard Roth, inzwischen etwas ab vom reinen Primat der Gefühle und gesteht zu, dass auch Gedanken den Gefühlen vorausgehen und sie initiieren können.
Was also ist zuerst da – das Gefühl, das die Gedanken lenkt, oder der Gedanke, der ein Gefühl erzeugt oder verstärkt? Lässt sich beides überhaupt so sauber trennen, wie diese Debatte suggeriert? Das ist eine Frage der Interpunktion, könnte man kommunikationstheoretisch argumentieren: Ab wann haben wir uns bewusst gemacht, was wir in bestimmten Situationen denken oder fühlen – und warum? Und ab wann wollen wir etwas an dieser Situation ändern, und zwar aufgrund von Denkprozessen höherer Ordnung?
Sicher tun wir sehr vieles aus Stimmungen, Launen, aus plötzlichen Affekten heraus, die uns kaum bewusst werden. Das ist auch in Ordnung, solange uns diese Gefühle nicht quälen oder zu falschen Entscheidungen dirigieren. Was aber, wenn wir von Ängsten, Hemmungen, Zweifeln, Wut oder Neid gebeutelt werden? Sind das unsere „authentischen“ Gefühle? Oder sind sie, nun ja, inspiriert durch bestimmte Gedanken und Bewertungen? Es stimmt eben nicht, dass wir permanent von unseren verborgensten Gefühlen gekidnappt werden und dem ausgeliefert sind, auch wenn es oft so scheint. Wir können unsere Gefühle nicht nur kontrollieren oder manchmal unterdrücken, sondern sogar generieren und verändern. Nicht nach Belieben und nicht sofort – aber doch nach einiger gedanklicher Arbeit.
Gefühlsmanagement, so technisch-modisch der Begriff auch klingen mag, ist keine Modeerscheinung, sondern ein neues Wort für eine uralte Technik der Selbstbeeinflussung, eine Kulturtechnik im Wortsinne. Sie geht auf die hellenistischen Philosophien zurück, auf stoische, epikureische und kynische Schulen. Sie wollten den oftmals schädlichen, beunruhigenden, mitunter zerstörerischen Einfluss von Emotionen durch unterschiedliche „innere“ Techniken eindämmen, beispielsweise durch das Lösen von Bindungen an Dinge oder Personen, die uns emotional abhängig machen und damit potenziell quälen könnten. Das Ziel der lebenspraktisch orientierten hellenistischen Philosophen war, so schreibt die Hellenismusspezialistin und Ethikexpertin Martha Nussbaum, menschliche Leiden zu heilen, die durch falsches Denken entstanden sind. Womit wir bei der Rational-Emotiven Psychologie und unserer Titelgeschichte wären. Lesen Sie, wie sehr manche Gedanken, falsches Denken, unsere Emotionen mobilisieren: Ich fühle, was ich denke. Und wie wir umgekehrt unerwünschte Gefühle in Schach halten, indem wir die Gedanken verändern: Ich will etwas anderes denken und fühlen!