Frau (wurschtelt in der Küche): „Was machst du da?“
Mann (sitzt im Wohnzimmer nebenan): „Nichts.“
„Nichts? Wieso nichts?“
„Ich mache nichts …“
„Gar nichts?“
„Nein.“
(Pause)
„Überhaupt nichts?“
„Nein, ich sitze hier …“
„Du sitzt da?“
„Ja …“
„Aber irgendwas machst du doch?“
„Nein.“
(Pause)
„Denkst du irgendwas?“
„Nichts Besonderes.“
„Es könnte ja nicht schaden, wenn du mal spazieren gehst.“
„Nein, nein.“
Usw. usf.
Szene einer Ehe, Loriot trifft Strindberg. Der Sketch endet übrigens etwas aggressiv. Langeweile irritiert viele Menschen offenbar so sehr, dass sie sie nicht einmal bei anderen ertragen können. Ihre eigene Langeweile ist ihnen sowieso unheimlich: Darf man sich überhaupt langweilen? Jugendlichen mag die Pose des Gelangweiltseins noch erlaubt sein. Sie müssen einfach öfter mal abhängen und chillen, ihr Leben ist ja so anstrengend, dass eine gelegentliche Katatonie dazugehört.
Aber wir Erwachsenen? Plötzlich und unerwartet mit sich allein sein, den ganz persönlichen Stillstand vielleicht sogar genießen? Nicht wenige Menschen betonen nachdrücklich und mit Stolz, sie hätten so viel zu tun, so viele Interessen, dass Langeweile für sie ein Fremdwort sei. Glückwunsch!
Aber ihnen entgeht möglicherweise eine wichtige Erfahrung. Sich in eine Zeitfalte fallen lassen zu können, ohne sich gleich wieder rausstrampeln zu wollen, Löcher in die Luft zu starren, nichts Besonderes zu denken wie der Ehemann (siehe oben), dem es nicht nur nichts ausmacht, dass ihm fad ist, der es genießen will: Dieses geradezu lustvolle Absinken auf den eigenen Grund, das absichtslose Nichtstun ist unvergleichlich. Und wenn wir es richtig machen und in die Langeweile hineinhören, erfahren wir Wichtiges über uns selbst. Manche Philosophen, etwa Heidegger, haben die Langeweile zur existenziellen Erfahrung ohnegleichen erhoben.
Unabhängigkeit beispielsweise ist für das Individuum nur um diesen Preis zu haben: sich eine Zeit lang abzusondern, ohne sich gleich als Sonderling zu fühlen oder daraus einen Kult des großen Einzelgängers zu machen. Langeweile und Lebenskunst verbinden sich, wenn wir Stille und Abgeschiedenheit ertragen können, ohne Unruhe oder Schuldgefühle zu empfinden. Manche Formen der Langeweile sind das Gegenstück der entfremdeten Arbeit: Die Ödnis eines langweiligen Jobs soll sich nicht auch noch in der Freizeit fortsetzen – und mündet doch meist im Unterhaltungsbetrieb: Fernsehen, Zuschauersport, Events aller Art vertreiben uns die Zeit und zugleich auch die Langeweile. Aber diese Langeweile light bietet keine wirkliche Chance zur Besinnung.
Wenn die Langeweile als plötzliches Sinnvakuum auftaucht und ein Gefühl der Einsamkeit erzeugt, löst sie bei manchen Menschen panikähnliche Zustände aus. Schon eine Stunde kein Anruf? Auch keine SMS? Keine Mails seit 15 Minuten? Einige Zeitgenossen können es kaum ertragen, wenn keine Nachfrage nach ihnen herrscht. Der Entzug von Zuwendung macht sie nervös, sie suchen dann selbst den Kontakt und daddeln hektisch auf dem Handy rum, um wieder Anschluss an die Welt zu gewinnen. Man könnte es das Max-Raabe-Syndrom nennen: Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich! Dabei ist Langeweile eine Chance. Das nächste Mal, wenn Ihnen (wider Erwarten, natürlich) langweilig sein sollte, tun Sie am besten: nichts!