Eine Grundtatsache menschlichen Lebens ist seine „hedonische Asymmetrie“. Das heißt: Per saldo gibt es mehr Anlässe für Leid als für Lust, und die angenehmen Gefühle verflüchtigen sich meist viel schneller als die leidvollen. Warum ist das so? Und was lässt sich dagegen tun?
Die Funktion der Gefühle ist, uns über die Wertigkeit dessen zu informieren, was uns von Tag zu Tag widerfährt. Dabei war es, evolutionär betrachtet, immer wichtiger, schnell und zutreffend über das eher Unerfreuliche, über Gefahren und Nachteile unterrichtet zu sein als über das Schöne und Gute. Wir sind also emotional besser aufs Negative als aufs Positive geeicht. Zwar möchten wir uns möglichst oft und möglichst anhaltend wohlfühlen, so wie es Nietzsche formulierte: „… denn alle Lust will Ewigkeit“. In der Realität jedoch muss es beim Wunsch bleiben, denn Dauerglück widerspricht der existenziellen Situation des Menschen.
Überleben war selbst für diese anspruchsvolle, glücksversessene Spezies immer wichtiger als Gutfühlen.
Freude und andere schöne Aufwallungen sind häufig genau das – angenehme, aber in der Regel sehr flüchtige Gefühle. Gerade deshalb versuchen wir immer wieder, die Gewichte zugunsten der positiven Gefühle zu verschieben – heute vielleicht noch intensiver als jemals zuvor in der Geschichte. Dazu haben wir allerlei Techniken des Gefühlsmanagements erfunden: Drogen, Feste, religiöse und philosophische Gedankensysteme. Allein das pharmakologische Aufbessern des Gefühlslebens wirft Milliardengewinne ab.
Die Psychologie hat im Kampf gegen die hedonische Asymmetrie im Wesentlichen zwei Varianten des Gefühlsmanagements beigesteuert. Die eine versucht, negative Gefühle zu kontrollieren, indem man, in moderner Diktion, cool bleibt. Diese Technik geht auf die stoische Lehre zurück: Apatheia, Leidenschaftslosigkeit, schützt uns durch Besonnenheit vor einer Welt, die zu Beunruhigung und Schmerz genügend Anlässe bietet. Diese intellektuelle Art der emotionalen Selbstkontrolle setzt auf Autosuggestion: „Ich kommandiere mein Herz“, meinte der supercoole Bertolt Brecht.
Solche Selbstbeeinflussung klingt schon bei einem Gründervater der modernen Psychologie, bei William James an, wenn er empfiehlt, ein Lächeln „aufzusetzen“, selbst wenn einem überhaupt nicht danach ist, denn es verbessere die Laune. Und tatsächlich ist es von hohem gesundheitlichem Wert, seine Gefühle emotional intelligent steuern und sich beispielsweise selbst beruhigen zu können. Das Dumme ist nur: Die positiven Gefühle werden bei dieser Modulationsmethode gleich mit nivelliert.
Die zweite Variante setzt, etwa in der Positiven Psychologie, auf Vermehrung und Verstärkung der guten Gefühle: Suche und finde Anlässe, dich zu freuen, und vermindere dadurch die Quote der negativen Gefühlsepisoden! Sei sozial, dankbar, freigiebig und kreativ – dann wirst du glücklich sein! Ob es gelingt, diesen „glücklichen Lebensstil“ als nachhaltige, massenhafte Praxis durchzusetzen, ist noch offen, Zweifel sind erlaubt.
Rekapitulieren wir: Gefühle informieren uns über unsere Situation in der Welt, und bevor wir diese Informationen ausblenden, weil sie beunruhigend oder schmerzhaft sind, sollten wir sie überhaupt erst einmal würdigen und ihre Botschaft hören. Die Psychoanalytikerin Alice Holzhey stellt deshalb die Frage nach der Angemessenheit von Gefühlen und führt sie zurück auf ihren diagnostischen Wert. Vernunft und Selbstregulation sind schön und gut. Aber die Gefühle haben ihr eigenes Recht, ihren eigenen, wichtigen Sinn. Wer über manche Dingen den Verstand nicht verliert, hat keinen.
Vui zvui Gfui – bayrisch: Viel zu viel Gefühl