Warum sind (viele) Männer so? Das beliebteste Erklärungsmuster liefert offenbar die Evolutionsbiologie. Derzeit sind Comedyprogramme erfolgreich, in denen die Geschlechterklischees auf mehr oder weniger witzige Weise durchdekliniert werden. In vielen Sachbüchern wird uns erklärt, warum Männer nicht nach dem Weg fragen und nicht über Gefühle sprechen wollen und warum Frauen weder einparken noch logisch denken können. Eine ebenso eingängige wie simple Formel lautet: Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus. Ihre Gehirne und ihre Hormondominanzen sind einfach völlig unterschiedlich. All das ist ziemlich tautologisch und erklärt uns – nichts.
Der Autor unserer Titelgeschichte, Roy Baumeister, ist Sozialpsychologe. Er leugnet keineswegs die biologischen Faktoren, die uns zu eher männlichem oder weiblichem Verhalten disponieren. Aber wichtiger noch sind für ihn die Einflüsse der Kultur, in der wir leben: Kultur ist die Errungenschaft, die uns das Überleben als Menschen besser ermöglicht als nur biologische oder auch soziale Prägungen (S. 20). Die Geschlechter unterscheiden sich nicht deshalb, weil sie biologisch oder auch sozial determiniert sind und „nicht anders können“. Sicher sind Männer von Natur aus etwas aggressiver, risikofreudiger, „logischer“ als Frauen. Aber eben nur etwas. Ob sich diese geringen Unterschiede zu dem auswachsen, was dann als „typisch Mann“ gilt, darüber entscheidet die Kultur. Sie setzt ihre Mitglieder so ein, dass sie als Gruppe überleben und im Wettbewerb gegen andere Gruppen bestehen können.
Mit diesem Ansatz lässt sich auf verblüffende Weise eine Vielzahl von „typischen“ Verhaltensweisen und Unterschieden erklären. Zum Beispiel die Tatsache, dass Männer erheblich früher sterben als Frauen (und das trifft auch die vermeintlichen Sieger à la Nicholson oder Sarkozy). Ihr verfrühter Abgang ist der Preis für ihre Rolle in der Kultur: Wer sich darauf spezialisiert hat, in größeren sozialen Netzwerken um Positionen und Einfluss zu kämpfen und Risiken zu übernehmen, muss ein hohes Maß an Stress und Gefühlsunterdrückung in Kauf nehmen.
Der Soziologe Wolf Lepenies schrieb über den kürzlich ausgebrochenen (medial ausgetragenen) amerikanisch-französischen Kulturkampf, er sei „… das jüngste Beispiel für den Neid der Kulturen, der eine Konstante in den Beziehungen darstellt. Dass die Amerikanische Revolution der Französischen vorausging, ärgert die Pariser Intellektuellen bis heute, und die Amerikaner können es nicht verwinden, dass es ein Franzose war, Alexis de Tocqueville, der sie am unbarmherzigsten durchschaute. Franzosen wie Amerikaner sind zutiefst von der Notwendigkeit überzeugt, ihrer eigenen Zivilisation zu weltweiter Geltung zu verhelfen.“ Dieser seltsame Wettbewerb ist nur ein Beleg für Baumeisters These von der Macht der Kultur über unser Denken und Handeln. Im Lichte seines Modells hieße das: Die Machos aller Länder wetteifern seit Jahrhunderten darum, wer schneller, besser, klüger ist. Trost und Hoffnung liegen darin: Biologie lässt sich nicht ändern, Kultur schon.