www.psychologie-heute.de | Editorial Heft 3/08
EDITORIAL HEFT 3/08

Mann
über Bord!

Von Heiko Ernst

Auch eine Art, seine Lebensbilanz zu ziehen: Der Schauspieler Jack Nicholson, mittlerweile 70 Jahre alt, ließ kürzlich verlauten, er habe, „nach allem, was ich weiß“, 9000 Kinder gezeugt. Selbst wenn er sich um ein oder zwei Nullen vertan hat und es „nur“ 900 oder 90 sind – was außer dem Imponiergehabe eines alternden Don Juan steckt hinter diesem Leistungsnachweis? Ein etwas jüngeres Alphamännchen ist Nicolas Sarkozy. Er illustriert eine andere Variante „typisch“ männlichen Verhaltens: Mann boxt sich nach oben und behauptet den Platz als Nr. 1 durch manische, geradezu duracellartige Betriebsamkeit: Ich bin der Cleverste, Schnellste, Beste, zuständig für alles.

Warum sind (viele) Männer so? Das beliebteste Erklärungsmuster liefert offenbar die Evolutionsbiologie. Derzeit sind Comedyprogramme erfolgreich, in denen die Geschlechterklischees auf mehr oder weniger witzige Weise durchdekliniert werden. In vielen Sachbüchern wird uns erklärt, warum Männer nicht nach dem Weg fragen und nicht über Gefühle sprechen wollen und warum Frauen weder einparken noch logisch denken können. Eine ebenso eingängige wie simple Formel lautet: Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus. Ihre Gehirne und ihre Hormondominanzen sind einfach völlig unterschiedlich. All das ist ziemlich tautologisch und erklärt uns – nichts.

Der Autor unserer Titelgeschichte, Roy Baumeister, ist Sozialpsychologe. Er leugnet keineswegs die biologischen Faktoren, die uns zu eher männlichem oder weiblichem Verhalten disponieren. Aber wichtiger noch sind für ihn die Einflüsse der Kultur, in der wir leben: Kultur ist die Errungenschaft, die uns das Überleben als Menschen besser ermöglicht als nur biologische oder auch soziale Prägungen (S. 20). Die Geschlechter unterscheiden sich nicht deshalb, weil sie biologisch oder auch sozial determiniert sind und „nicht anders können“. Sicher sind Männer von Natur aus etwas aggressiver, risikofreudiger, „logischer“ als Frauen. Aber eben nur etwas. Ob sich diese geringen Unterschiede zu dem auswachsen, was dann als „typisch Mann“ gilt, darüber entscheidet die Kultur. Sie setzt ihre Mitglieder so ein, dass sie als Gruppe überleben und im Wettbewerb gegen andere Gruppen bestehen können.

Mit diesem Ansatz lässt sich auf verblüffende Weise eine Vielzahl von „typischen“ Verhaltensweisen und Unterschieden erklären. Zum Beispiel die Tatsache, dass Männer erheblich früher sterben als Frauen (und das trifft auch die vermeintlichen Sieger à la Nicholson oder Sarkozy). Ihr verfrühter Abgang ist der Preis für ihre Rolle in der Kultur: Wer sich darauf spezialisiert hat, in größeren sozialen Netzwerken um Positionen und Einfluss zu kämpfen und Risiken zu übernehmen, muss ein hohes Maß an Stress und Gefühlsunterdrückung in Kauf nehmen.

Der Soziologe Wolf Lepenies schrieb über den kürzlich ausgebrochenen (medial ausgetragenen) amerikanisch-französischen Kulturkampf, er sei „… das jüngste Beispiel für den Neid der Kulturen, der eine Konstante in den Beziehungen darstellt. Dass die Amerikanische Revolution der Französischen vorausging, ärgert die Pariser Intellektuellen bis heute, und die Amerikaner können es nicht verwinden, dass es ein Franzose war, Alexis de Tocqueville, der sie am unbarmherzigsten durchschaute. Franzosen wie Amerikaner sind zutiefst von der Notwendigkeit überzeugt, ihrer eigenen Zivilisation zu weltweiter Geltung zu verhelfen.“ Dieser seltsame Wettbewerb ist nur ein Beleg für Baumeisters These von der Macht der Kultur über unser Denken und Handeln. Im Lichte seines Modells hieße das: Die Machos aller Länder wetteifern seit Jahrhunderten darum, wer schneller, besser, klüger ist. Trost und Hoffnung liegen darin: Biologie lässt sich nicht ändern, Kultur schon.

NEU: Die Liste aller Editorials

Auf dieser neuen Seite führen wir alle Editorials seit der Aprilausgabe 2002 auf. Das Besondere: Sie können sich die Texte schnell einblenden lassen, sehen den Titel des jeweiligen Heftes und sind mit einem Klick direkt in seinem Inhaltsverzeichnis. – Eine gute Möglichkeit, sich schnell einen Überblick zu verschaffen oder bequem zu schmökern. Zur Liste

Immer gut
informiert!

Am Erscheinungstag eines neuen Heftes informiert Sie unser Newsletter über dessen Inhalte. Wenn Sie möchten, erhalten Sie ihn auch nur, sobald ein neues Sonderheft in der Reihe „Compact“ erscheint. Sie selbst bestimmen das bei der Anmeldung und können es später jederzeit ändern.

Abos weltweit!

Psychologie Heute können Sie in jedem per Post erreichbaren Land abonnieren und das Abo auch von jedem Land aus in ein anderes verschenken. Falls mit Luftpost versandt wird, kostet das keinen Aufpreis! (Bild: NASA)
PROBEABO

Testen Sie uns …

Für einen sehr geringen Preis (in den EU-Ländern zum Beispiel für 12 Euro inklusive Versand) liefern wir Ihnen die nächsten drei Ausgaben ins Haus. Sie können dann entscheiden, ob Sie das Probe- in ein Jahresabo übergehen lassen oder es mit einer kurzen Mitteilung an uns beenden.
GESCHENKABO

Bringen Sie sich
12-mal in gute Erinnerung!

Mit einem Geschenkabo bereiten Sie ein Jahr lang jeden Monat wieder neu Freude – und wir schenken Ihnen auch was: unseren Jubiläumsband Faszination Psychologie, der nicht im Buchhandel erhältlich ist. Übrigens: Sie müssen nicht an die Abbestellung denken – das Abo endet mit der Zustellung des zwölften Heftes.
Banner: Zur Vorschau auf das nächste Heft
Banner: Im Onlineshop finden Sie Hefte ab Jahrgang 2000

SUCHMASCHINE

Das Sucheingabefeld wieder schließen

SUCHMASCHINE

Das Sucheingabefeld wieder schließen